Neues Buch von Jürgen Pettinger

Berührende Romanbiografie über Dorothea Neff: „Queere Geschichte wurde totgeschwiegen“

Dorothea Neff pflanzte 1980 mit Eva Zilcher (im Hosenanzug) einen Baum in der Allee der Gerechten, Yad Vashem/Jerusalem.
© Yad Vashem Photo Collection

Die Schauspielerin Dorothea Neff riskierte in der Nazi-Zeit ihr Leben, als sie ihre jüdische Freundin bei sich versteckte.

Wien – Jürgen Pettinger hat es wieder getan. Der ORF-Journalist (der gebürtige Linzer moderierte von 2009 bis 2012 Tirol heute, derzeit ist er im Ö1-Journale-Team) landete vor zwei Jahren mit seinem Buch über Franz Doms, einen in der NS-Zeit hingerichteten Homosexuellen, einen großen Erfolg. Nun hat Pettinger die Geschichte der Schauspiellegende Dorothea Neff nachrecherchiert und in eine berührende Romanbiografie gepackt – erweitert um den bisher nicht bekannten bzw. erzählten queeren Aspekt.

Neff (1903–1986) versteckte ab 1940 ihre jüdische Freundin Lilli Wolff bis zum Kriegsende in ihrer Wohnung in der Annagasse in Wien. Jahrelang lebten die beiden Frauen in der Angst, aufzufliegen. 1944 musste Wolff mit einem Tumor in der Brust ins Krankenhaus – wie sollte sie es schaffen, dort ihre Identität vor den Nazi-Ärzten geheim zu halten? Es gelang mit viel Mut, List, verlässlichen Unterstützern – darunter der spätere Psychiater Erwin Ringel – und auch einer gehörigen Portion Glück.

1947 emigrierte Wolff in die USA. Sie und Neff begegneten einander nie wieder persönlich, bis an ihr Lebensende pflegten sie aber eine Brieffreundschaft. Dass ihre Beziehung – sie waren 1939 gemeinsam von Köln nach Wien gekommen – über das Freundschaftliche hinausging, wurde nie ausgesprochen – nicht von Neffs bisherigen Biografen und auch nicht von ihr selbst. „Queere Geschichte wurde lange unterdrückt und totgeschwiegen. Schließlich war Homosexualität in Österreich bis 1971 strafbar und danach gesellschaftlich weiterhin ein großes Tabu“, erklärt Pettinger im Gespräch mit der TT.

© TT

Ihm geht es bei „Dorothea – Queere Heldin unterm Hakenkreuz“ darum, darzustellen, dass queere Menschen „immer da waren und zwar in der Mitte der Gesellschaft, aber sie wurden verleugnet“, so der Autor. Auch bei Dorothea Neff, die im hohen Alter für ihre Verdienste geehrt wurde, wurde über diesen einen Aspekt ihrer Persönlichkeit einfach nicht geredet – obwohl bekannt war, dass sie mit einer Frau zusammenlebte. So wie auch Wolff, die nach dem Krieg nicht alleine in die USA ging, sondern zusammen mit ihrer ehemaligen Assistentin Mati Driessen. Die beiden bauten sich in Dallas/Texas eine neue Existenz auf und führten gemeinsam einen Modesalon.

Neff wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien am Zentralfriedhof beigesetzt, an ihrer Seite fand acht Jahre später auch ihre langjährige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Eva Zilcher, ihre letzte Ruhestätte. Das Grab der beiden Frauen liegt auf dem Weg zu jenem von Franz Doms – so schließt sich der Kreis der Geschichte.

Buchtipp

Jürgen Pettingers Romanbiografie ist bei Kremayr & Scheriau erschienen, Hardcover mit SW-Bildern, 192 Seiten, € 24.

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Literatur

„Franz. Schwul unterm Hakenkreuz“: Neues Buch von Jürgen Pettinger

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