Kultur Österreich

NHM-Chefin Vohland möchte "Botanisches Haus" am Ring

Katrin Vohland in der Botanischen Sammlung des NHM
© APA

Heute, Montag, läuft die Bewerbungsfrist für die wissenschaftliche Leitung des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) ab 1. Juni 2025 aus. Generaldirektorin Katrin Vohland hat sich um Verlängerung ihres Mandats beworben und will weitermachen - am liebsten gemeinsam mit ihrem jetzigen wirtschaftlichen Leiter Markus Roboch, dessen Posten ebenfalls ausgeschrieben wurde. Im Interview mit der APA skizziert sie etliche Pläne, die sie auf den Weg gebracht hat und finalisieren möchte.

Mitten in der Corona-Pandemie anzutreten sei nicht einfach gewesen, schildert die promovierte Biologin und ehemalige Grüne Landespolitikerin in Brandenburg, die Anfang Juni 2020 vom Museum für Naturkunde Berlin nach Wien wechselte. "Als ich mich in unserem Kinosaal das erste Mal den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorstellte, sah ich mich lauter Menschen gegenüber, die Maske trugen. Das fand ich schwierig." Gleichzeitig sei es vermutlich ein Vorteil gewesen, dass es "ruhiger losging. Dadurch konnte ich langsam hineinwachsen."

Ihr partizipativer Führungsstil sei für manche im Haus eine Umgewöhnung gewesen, doch in den dreieinhalb Jahren habe sie viel bewegen können. Nun orientiere man sich an einem gemeinsam erarbeiteten Leitbild. "Ich bin hier heimisch geworden. Ich habe den Eindruck, dass das Haus und ich zusammenpassen, dass es stimmig ist, was ich hier angestoßen habe. Es gibt eine ganze Reihe von Veränderungen." Besonders stolz ist sie auf den umgestalteten Saal 50, der als "Deck 50" als Labor für innovative und experimentelle Wissenschaftskommunikation bespielt wird, sowie auf den neu gestalteten Geologiesaal "Planet Erde". "Hier konnten wir zeigen, dass ein Ernstnehmen der wunderschönen Architektur mit der Darstellung aktueller wissenschaftlicher Einsichten gut zusammenpassen. In dieser Richtung haben wir noch viel vor."

2024 wird nun endlich die lange geplante Barrierefreiheit in Angriff genommen - keine unheikle Sache bei einem historischen Gebäude. In Abstimmung mit dem Denkmalamt ist geplant, die Fenster links vom Haupteingang nach unten zu ziehen und zu Eingängen zu erweitern. Auch wenn noch nicht feststeht, wie viel von den für die Foyer-Neugestaltungen in Belvedere, KHM und NHM reservierten 100 Mio. Euro das Naturhistorische bekommen wird, ist Vohland sicher: "Heuer planen wir, 2025 und 2026 bauen wir." Ob sich die Eröffnung der neuen Eingangssituation 2027 ausgehen wird, darauf will sie sich noch nicht festlegen. Sicher werde aber bis 2030 die Umgestaltung der biologischen Schausäle abgeschlossen sein. 2024 baut das NHM neue Aufzüge im Hof und einen modernisierten Vortragssaal, 2025 wird der neue Kinder-Eiszeitsaal eröffnet.

Den Tiefspeicher, den das dank Sammlungsschenkungen weiter stetig wachsende Museum dringend brauche, habe sie noch nicht durchsetzen können, dafür hat sie neue Ideen, um jenen Platz im Haupthaus zu schaffen, den auch die neue Eingangssituation benötigen wird. Teile der Bibliothek könnten ausgelagert werden, vor allem aber denkt sie gemeinsam mit der Universität Wien an ein neues "Botanisches Haus". Die Botanische Sammlung zähle mit ihren etwa 200.000 Typus-Belegen zu den fünf wichtigsten der Welt und könne mit jener der Uni (wieder) zusammengelegt werden. "Das wäre ein wahnsinniger Mehrwert für Forschung und Öffentlichkeit." An der TU Wien würden Studierende gerade an möglichen Lösungen am "Glacis" arbeiten. Was genau ist damit gemeint? Vohland weist vis-a-vis über den Ring: Dieser zwischen Volksgarten und Heldentor ringseitig gelegene Abschnitt des Heldenplatzes war schon als möglicher Neubau-Standort des "Haus der Geschichte Österreich" im Gespräch. Wie das Kunsthistorische Museum mit dem Weltmuseum Wien über ein Gebäude auf der anderen Straßenseite des Burgrings verfügt, könnte auch das NHM ein Pendant bekommen. "Das wäre fantastisch." Ist denn das auch realistisch? Es sei natürlich eine politische Entscheidung, sagt die Generaldirektorin, aber dafür brauche es eben Visionen und Denkanstöße.

Immerhin hat sie derzeit gute Argumente hinter sich. Etwa die Besucherzahlen. 2023 konnte man sich an allen Standorten (Haupthaus am Burgring, anatomische Sammlung im Narrenturm, Hallstätter Salzbergwerk und Nationalparkinstitut Donauauen in Petronell, Anm.) gemeinsam über einen Rekord von über einer Million Eintritten freuen. Vor der Pandemie waren es 842.000, 2022 an die 832.000 Besucherinnen und Besucher. Das NHM hat durch die vielen Kinder einen traditionell hohen Anteil an Gratis-Eintritten. Wäre Vohland dafür, dass die Bundesmuseen wie nun das Wien Museum auf das "englische Modell" umschwenken und die Dauerausstellungen frei zugänglich machen? "Nein. Wir brauchen den Eintritt, um unser Personal zahlen zu können. Und ich finde es gut, wenn man für eine konsumierte Leistung zahlt." Die Eintrittserlöse betrugen 2023 rund 7,7 Mio. Euro, die Basisabteilung des Bundes (inklusive 350.000 Euro einmaliger Zahlung) 16,97 Mio. Euro.

Vom Kulturministerium findet man sich finanziell sehr gut unterstützt, "ich würde mich aber freuen, wenn wir mehr Unterstützung vom Wissenschaftsministerium bekämen, da wir die Sammlungen als Forschungsinfrastruktur für die österreichische, europäische und globale Forschungsgemeinschaft erschließen", sagt Vohland, die es problematisch findet, über kein Ankaufsbudget mehr zu verfügen. Die fehlende finanzielle Ausstattung ist am Rande auch Thema des Films "Archiv der Zukunft" von Joerg Burger, der am Donnerstag (12.30 Uhr) im Stadtkino beim Neujahrsempfang des Museums vorgeführt wird. Vor allem aber zeigt der Film das NHM als wissenschaftliche Anstalt, in der in den unterschiedlichsten Disziplinen Grundlagenforschung betrieben wird und jene Biodiversität archiviert und dokumentiert wird, die in Zeiten von Artensterben und Klimawandel stark bedroht ist. "Mir gefällt der Film, weil er zeigt, wie sehr das Haus von den Sammlungen und den Menschen lebt, und deutlich macht, wie intensiv sich die Kolleginnen und Kollegen damit identifizieren", sagt Katrin Vohland.

Im Film klingt aber auch an, wie prekär die Lage für nicht-anwendungsorientierte Forschung heute von den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern empfunden wird. Wie geht es der Generaldirektorin zu Beginn eines Wahljahres, an dessen Ende eine Bundesregierung stehen könnte, der zumindest teilweise Wissenschaftsskepsis nicht fremd ist? "Wir sind eine politische Einrichtung, weil wir uns mit gesellschaftlichen Themen befassen, aber keine parteipolitische. Haltung ist uns wichtig, und die werden wir behalten. Da spreche ich auch für die Belegschaft. Das umfasst unsere Bemühungen um Inklusion ebenso wie unsere Wissenschaftskommunikation." Und bei der für 2024 geplanten Ausstellung über das in der Klimakrise extrem wichtige Thema "Böden" werde das Thema Bodenversiegelung sicher nicht fehlen, verspricht sie.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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