Kasse zahlt Therapie: Wem eine klinisch-psychologische Behandlung helfen kann
Mit Jänner 2024 wurden klinisch-psychologische Behandlungen für alle zur Kassenleistung. Wem das wann in welchen Krisen hilft, erklärt Psychologin Beate Wimmer-Puchinger.
Innsbruck – Seit 1. Jänner 2024 haben alle versicherten Menschen in Österreich einen Anspruch auf klinisch-psychologische Behandlung – diese ist jetzt Kassenleistung. Damit soll der hohe Versorgungsbedarf für Menschen in Krisen besser gedeckt werden. Die langfristige Finanzierung ist zwar noch offen, die Behandlung ist künftig aber als gleichwertige Leistung neben ärztlicher Hilfe im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG) verankert.
Was das konkret für Betroffene heißt, erklärt Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP). Für die Psychologin ist die neue Regelung ein wichtiger und notwendiger Schritt in Richtung bessere und leistbare psychosoziale Versorgung der Bevölkerung. In den letzten Jahren sei der Bedarf an psychologischer Unterstützung stark gestiegen. Besonders häufig betroffen von Depressionen und Angststörungen sind Frauen und Jugendliche.
Nach der Psychotherapie gibt es nun auch klinisch-psychologische Behandlungen auf Krankenschein. Das ist eine langjährige Forderung Ihres Berufsverbandes. Was erhoffen bzw. erwarten Sie sich nun?
Beate Wimmer-Puchinger: Es ist wichtig, dass die Regierung diesen Schritt zu einem richtigen Zeitpunkt setzt. Wir wissen, dass wir als Bevölkerung nicht unbedingt robuster werden. Die Welt wird immer komplexer, wir stehen in vielerlei Hinsicht an Wendepunkten. Und das destabilisiert viele Menschen in ihrer Psyche. Deshalb ist es wichtig, dass jeder, der psychologische Hilfe braucht, diese auch bekommt. Jede Versicherte und jeder Versicherte hat nun das Recht auf einen Kostenzuschuss für eine klinisch-psychologische Behandlung. Nun geht es eigentlich nur mehr darum, wie der Vertrag genau ausverhandelt werden soll. Die beste Nachricht ist, dass psychologische Behandlung für alle leistbar wird.
Gibt es Zahlen dazu, wie viele Menschen psychologische Hilfe bräuchten, aber keine in Anspruch nehmen?
Wimmer-Puchinger: Wir wissen aus Studien, dass man jene, die eigentlich psychotherapeutische, psychologische oder psychiatrische Unterstützung bräuchten, nur in 18 Prozent der Fälle mit professioneller Hilfe erreicht. Das hat viele Gründe. Es geht um Stigmatisierung, Scham, aber auch darum, nicht zu wissen, wohin man sich wenden kann, und – nicht zu unterschätzen – oft hat es auch finanzielle Gründe. Wer wenig verdient und bereits mit hohen Lebenskosten zu kämpfen hat, kann sich keine psychologische Behandlung leisten. Das ist dann Luxus. Mit der neuen Regelung erreichen wir viel mehr Menschen und vor allem jene besser, die es sowieso im Leben schon schwer haben.
Wie kann man als Laie am besten einschätzen, ob man nur ein paar schlechte Tage hat oder ob Hilfe von einem Psychologen bereits sinnvoll wäre? Und an wen wende ich mich am besten im ersten Schritt?
Wimmer-Puchinger: Alarmzeichen sind sicherlich, wenn jemand auffallend lange Schlafstörungen und ständig schlechte Stimmung hat, lustlos ist, alles nur mehr negativ sieht, antriebslos ist oder ohne Grund oft die Tränen kommen – dann sollte man sich Hilfe von außen holen. Im ersten Schritt ist es sicherlich gut, wenn man zum praktischen Arzt geht und die Problematik schildert. Man sollte offen sagen, wie man sich fühlt. Oder man sucht sich gleich im Netz einen klinischen Psychologen in seiner Nähe, ruft dort an und bittet um einen Termin. Es geht dann zunächst einmal darum abzuklären, was es braucht oder wer die richtige Anlaufstelle ist. Klinische Psychologen haben Instrumente zur Hand, um abzuklären, was zu tun ist.
Seit der Pandemie ist die psychische Gesundheit von Jugendlichen besonders in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Wann sollten Eltern hellhörig werden?
Wimmer-Puchinger: Eine permanent schlechte Stimmung oder Schulverweigerung sind zwei Themen, bei denen man auf jeden Fall genauer hinschauen sollte. Als Eltern wäre es gut, behutsam Interesse zu zeigen, indem man signalisiert, dass man sich Sorgen macht, für das Kind aber da ist. Für Jugendliche gibt es die Aktion „Gesund aus der Krise“, hier bekommt man rasch und kostenlos Termine, danach erfolgt eine psychotherapeutische Behandlung. Auch bei der Hotline (0800 800 122) anrufen, ist immer gut.
Ab wann hilft das Gespräch mit der besten Freundin, einem Freund oder Verwandten nicht mehr?
Wimmer-Puchinger: Reden ist immer gut. Der Unterschied zum klinischen Psychologen ist hier aber, dass wir gelernt haben zuzuhören. Und das ist nicht so einfach, das muss man lernen. Das heißt richtig reden und zuhören ist eine Profession. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass eine klinisch-psychologische Behandlung auf Seele und Körper wirkt und hilft. Die Freundin ist trotzdem gut, sie kann trösten.
Was kostet derzeit eine Stunde beim klinischen Psychologen?
Wimmer-Puchinger: Eine Stunde kostet zwischen 90 und 120 Euro, wenn man privat zahlt.
Gehören Krisen nicht bis zu einem gewissen Grad zum Leben?
Wimmer-Puchinger: Krisen gehören zum Leben, ja. Kein Mensch lebt in einem abgeschlossenen Vakuum und wir sind ständig mit neuen, oft auch schwierigen Herausforderungen konfrontiert. Als soziale Wesen wachsen wir an Widerständen, das gehört auch zum Erwachsenwerden dazu. Es gibt aber Erschütterungen und Krisen, für die man Unterstützung braucht. Je früher man sich da Hilfe holt, desto besser. Damit können sich etwa Depressionen oder Angstzustände nicht chronifizieren. Psychische Probleme zu haben, ist keine Schande, es kann jeden treffen. Wer sich Unterstützung holt, tut seiner Gesundheit Gutes. Eine klinisch-psychologische oder psychotherapeutische Behandlung hilft.
Das Interview führte Liane Pircher
Was machen ...?
... Psychiater: Sie sind Fachärzte, die psychische Erkrankungen diagnostizieren und behandeln, sie dürfen Medikamente verschreiben.
... Psychotherapeuten: Sie diagnostizieren und behandeln psychische Erkrankungen. Je nach Therapeut gibt es eine bestimmte psychotherapeutische Schule (z. B. Verhaltenstherapie), nach der dann auch die Behandlung erfolgt.
... klinische Psychologen: Sie bieten wissenschaftlich fundierte Hilfe (klinisch-psychologische Diagnostik und Behandlung) bei psychischen und sozialen Problemen sowie seelischen Auffälligkeiten.
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