Mirjam Zadoff im Gespräch

Leiterin des NS-Doku-Zentrums: „Würde dafür plädieren, Lueger zu entfernen“

Umstrittenes Denkmal in Wien: Es zeigt den Wiener Bürgermeister und bekennenden Antisemiten Karl Lueger (1844–1910). Mit Kunst wird das Denkmal nun wortwörtlich in Schieflage versetzt.
© APA/Hochmuth

Wie umgehen mit umstrittenen Denkmälern? Mirjam Zadoff setzt auf Kunst. Eine „Bankrotterklärung“ nennt sie die Absage des Bewerbs am Tiroler Landhaus.

In Ihrem Buch versammeln Sie Beispiele von Erinnerungskultur aus der ganzen Welt. Es geht auch um das Denkmal, jenes des umstrittenen Karl Lueger in Wien wurde jetzt erneut „attackiert“. Bald wird es mit Kunst kontextualisiert und gekippt. Eine gute Idee?

Mirjam Zadoff: Zunächst fand ich diese erste Idee von 2010 gut, also ihn zu kippen. Gleichzeitig sind wir jetzt, 2024, in einer ganz anderen Situation. Eigentlich würde ich dafür plädieren, Lueger zu entfernen. Aber er ist jetzt ja ein Zeitdokument und steht für die ganze Debatte um das Denkmal. Die bislang beste Aktion war die jüngste Umbenennung des Platzes in „Platz der gescheiterten Erinnerungskultur“. Ein anderes tolles Projekt: die „fourth plinth“ in London, ein leerer Sockel, wo die Bevölkerung mitbestimmt, was gezeigt wird. Der partizipative Ansatz ist hier besonders spannend.

Was Erinnerungskultur betrifft, wird in Österreich lieber diskutiert als entschieden – siehe Hitler-Haus.

Zadoff: Das Hitler-Haus in Braunau ist schon ein spezieller Fall. Weil der Ort bleibt ja, auch wenn es das Haus nicht mehr gäbe. Im Buch stelle ich das italienische Predappio vor, den Geburtstort von Mussolini mit seinen jährlichen Pilgerfahrten. Auch dort reicht es nicht, wenn das Objekt verschwindet, man muss es kontextualisieren. In München gibt es zwar die Hitler-Wohnung, aber eben seit 2015 auch das NS-Dokumentationszentrum – der Kontext ist also da. Die Situation wird jedenfalls nicht einfacher, denn der politische Rechtsruck hat zur Folge, dass Kontextualisierungen mancherorts gar nicht mehr gewollt sind.

Zur Person

Mirjam Zadoff, geboren 1974 in Innsbruck und aufgewachsen in Landeck, ist seit 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München. Sie studierte Geschichte und Judaistik in Wien, promovierte und habilitierte in München. Bis 2019 lehrte Zadoff an der Indiana University Bloomington in den USA, Gastprofessuren führten sie u. a. nach Zürich, Berkeley oder Berlin. Ihr Buch „Gewalt und Gedächtnis“ erschien im Herbst 2023.

In Tirol „scheiterte“ zuletzt ein Wettbewerb für eine künstlerische Kontextualisierung am Neuen Landhaus.

Zadoff: In dieser Diskussion kann ich nicht verstehen, warum der von der Jury ausgewählte Beitrag nicht realisiert wurde. Ebenso wenig, wie man mit dem Begriff „haften“ ein Problem haben kann. In München machen alle Azubis, die in der öffentlichen Verwaltung starten, ein Seminar, in dem es darum geht, über die Verantwortung zu sprechen, die man in einer öffentlichen Institution hat. Die historische Verantwortung und die gegenwärtige. Die Inschrift „Wir haften für unsere Geschichte“ appelliert an diese Verantwortung. Für mich ist die Absage des Wettbewerbs eine Bankrotterklärung, denn so viele Orte der Erinnerungskultur gibt es in Innsbruck ja nicht. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Nationalsozialismus wieder idealisiert wird – siehe AfD und FPÖ im Verbund mit Identitären wie Sellner –, muss man doch Haltung zeigen. Es muss sich heute keiner mehr fragen, wie hätte ich mich damals verhalten, sondern wie verhalte ich mich jetzt.

Sie kombinieren im NS-Dokumentationszentrum das Erinnern über Text konsequent mit zeitgenössischer Kunst. Was kann diese besser als ein Text?

Zadoff: In unserer Dauerausstellung wird über viel Text Wissen vermittelt. Das ist in einer Zeit, in der Fakten infrage gestellt werden, wieder sehr wichtig. Ähnlich wie Zeitzeugen gehen Künstler eine unmittelbare Verbindung mit dem Publikum ein. Den Zeitzeugen gelang und gelingt es mit ihrer Geschichte, ihrem Körper – doch ihre Stimmen werden weniger. Künstler bieten mit ihren radikal subjektiven Positionen einen eigenen Zugang an. Es geht gerade nicht um die objektive Wahrheit. Mit Kunst wird die Erzählung diverser, vielstimmiger. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen finden über die Kunst zum Wissen hin. Ein Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst entsteht.

Wie schafft man die Verbindung zu jüngeren Menschen? Mit Sophie Scholl als Instagram-Star?

Zadoff: Speziell in diesem Fall war das Problem die Unterscheidung: Was ist Fiktion, was ist Realität, das löste sich zunehmend auf. Vielleicht, weil das Projekt zu lange gedauert hat. Anfangs war ich begeistert, am Ende fand ich es sehr problematisch.

In Serien und Filmen sind Geschichten aus der NS-Zeit nach wie vor ein beliebter Stoff. Wo ist auch das Erinnern gut gelungen?

Zadoff: Ich habe ein Problem bei Verkitschungen, etwa bei „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“. Filme wie „Das Leben ist schön“ hingegen zeigen so gut und überspitzt, wie man mit dieser Geschichte der Gewalt umgehen kann. Ähnlich war „Inglourious Basterds“, einfach weil der Bruch mit der Realität klar ist. Trotzdem wird das Nachdenken angeregt. Das löst viel mehr in einem aus.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

Beim Erinnern einmal um die Welt reisen

In „Gewalt und Gedächtnis“ plädiert Mirjam Zadoff für eine globale Erinnerungskultur mit lokalen Ausprägungen. Diese bringt sie in 13 Essays und einer Reise um die Welt näher – immer auf der Suche nach Allianzen im Gedenken an eine Geschichte der Gewalt. Ob in Italien, Israel oder den Niederlanden. Am Ende landet man mit Romed Mungenast bei den Jenischen in Tirol. Zadoff geht beim Erzählen den persönlichen Weg und schafft Nähe. Wärmste Leseempfehlung! (bunt)

Essayband Mirjam Zadoff: Gewalt und Gedächtnis. Hanser, 240 S., 26,50 Euro.

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