Das grausame Geschäft mit dem Hunger: Warum Geld nicht reicht

Millionen Menschen sind am Horn von Afrika vom Hungertod bedroht. Doch Geld alleine hilft in der Krise nicht – die Ursachen liegen tiefer.

Mogadischu – Mit ihren ausgezehrten Fingern drückt die Mutter ihrem weinenden Säugling eine Paste in den Mund, die sie von Mitarbeitern der Hilfsorganisation erhalten hat. Es ist ein mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherter Brei, der das Schlimmste verhindern soll: Den Tod des Kindes. Sechs von 10.000 Menschen sterben täglich am Horn von Afrika, schwach und abgemagert vom tage- und wochenlangen Nahrungsentzug.

Die Situation ist so schlimm wie lange nicht mehr, Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia sind vom Hungertod bedroht.

Klima löste Krise aus

Abgezeichnet hat sich die Krise aber schon lange. Extreme Wetterkapriolen im vergangenen Sommer sind nur einer der Auslöser. Durch eine Abkühlung des Indischen Ozeans verdampfte weniger Wasser, die Folgen waren Dürreperioden über dem Horn von Afrika. Dadurch brach schon Ende des vergangenen Jahres in Somalia, Kenia und Äthiopien die Ernte ein.

Plötzlich wurden die Preise für Grundnahrungsmittel so teuer wie noch nie, gleichzeitig stiegen die Benzinpreise durch kriegerische Auseinandersetzungen in erdölproduzierenden Ländern massiv an.

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Viele Bauern begannen panisch, ihre Kühe und Ziegen zu verkaufen – aus Angst, dass sie sie nicht mehr füttern können und der Schaden noch größer wird.

Doch die Erlöse waren nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, Nutztiere hatten am Markt schon keinen Wert mehr, keiner war in der Lage, Preise wie sie noch vor einem Jahr galten, zu zahlen. Weil der Tauschpreis – nämlich Getreide – einfach nicht mehr vorhanden war. Laut der Hilfsorganisation „Oxfam“ kostet Hirse in Somalia heute um 240 Prozent mehr, als noch vor einem Jahr. Der Preis von Mais ist in manchen Teilen des Landes drei Mal so hoch .

Wegen der exorbitanten Preise versuchten die Regierungen von Äthiopien und Tansania im März die Lage zu verbessern, indem sie den Export von Mais untersagt hatten, um damit die Händler zu zwingen, das Getreide am heimischen Markt zu vertreiben.

Das bedeutete aber gleichzeitig, dass die Regionen nicht mehr untereinander handeln konnten. In Regionen mit schlechter Ernte war ein katastrophaler Zusammenbruch des Handels die Folge.

Die zweite Regenzeit brachte die erhoffte Linderung auch nicht – ganz im Gegenteil. In manchen Regionen regnete es so stark, dass es zu Überschwemmungen kam. Nutztiere ertranken, Krankheiten brachen aus. Andere Regionen litten weiter unter der Dürre.

Menschen vom Tod bedroht

Seither fliehen die Menschen. Sie hoffen, in anderen Teilen Afrikas eine Lebensgrundlage zu finden.

Doch schon der Weg kostet viele ihr Leben. Vor allem Kinder und Alte müssen oft sterbend am Wegesrand zurückgelassen werden. Flüchtlingslager in Kenia und Äthiopien sind zum Bersten voll, die Hilfsorganisationen kommen mit dem Bau neuer Unterkünfte nicht mehr nach.

Natürlich ist Geld in dieser akuten Notsituation jetzt das erste Mittel, das die Menschen am Horn von Afrika vor dem Hungertod bewahren kann. Auch wenn schon viele Staaten ihre Hilfe zugesagt haben, wird der Finanzbedarf wohl nur mit zusätzlichen privaten Spenden zu decken sein. Langfristig wird das die Betroffenen aber nicht aus ihrer Krise bringen, denn deren Ursachen sind nicht nur im Wetter zu suchen.

In Somalia zum Beispiel hindern militante Milizen der „El Schabab“ die Hilfsorganisationen daran, den Menschen Nahrung und medizinische Versorgung zu liefern. Die Helfer werden erst seit Kurzem wieder ins Land gelassen – wohl auch deshalb, weil es den Rebellen selbst mittlerweile so schlecht geht, dass sie hoffen, Teile der Hilfslieferungen für sich selbst abzweigen zu können.

Korruption, Kriege und falsche Regierungsarbeit

Am Horn von Afrika blüht die Korruption, ein weiterer Grund dafür, dass die Bevölkerung hungern muss. Denn es ist schon vorgekommen, dass Hilfslieferungen einfach nicht dort ankamen, wo sie sollten.

So gab schon der kenianische Vizepremier 2009 zu, dass in den entscheidenden Ministerien Kartelle regieren würden, die gemeinsam mit skrupellosen Händlern aus der Not im Land Profit schlagen würden. Unter Landwirtschaftsminister William Ruto sollen vor zwei Jahren mindestens eine Million Säcke Reis spurlos verschwunden sein.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass die Regierungen in den betroffenen Ländern ebenfalls ihren Anteil an der Krise tragen. Wie das Nachrichtenmagazin „Focus“ berichtet, überlässt beispielsweise Äthiopien die landwirtschaftlichen Gunstzonen großen Investoren, die Bevölkerung – Nomaden und arme Bauern – schauen durch die Finger.

Schon lange fordern Experten, dass die Regierungen den Menschen Stabilität bieten. Nur durch Sicherheit können die Menschen sich dauerhaft in gewissen Gebieten ansiedeln, Ackerbau betreiben, ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Mangelnde Bildung und Armut tragen das ihre dazu bei, dass die Situation derzeit so ist, wie sie ist.

Hungersnöte und Krisen wird es am Horn von Afrika wohl immer geben. Doch sie könnten weniger schlimm ausfallen, wenn die Regierungen den Menschen endlich das nötige Rüstzeug in die Hand geben würden, damit die ihr Schicksal selbst bestimmen. (rena)

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