Im Alter von 85 Jahren

Zuerst verfolgt, dann gewürdigt: Schock-Aktionist Günter Brus gestorben

Günter Brus im Jahr 2018.
© imago stock&people

Brus zählt zu den bedeutendsten österreichischen Künstlern der Gegenwart und hat ein in vielfacher Hinsicht grenzensprengendes Werk geschaffen.

Wien/Graz – Günter Brus schockte in den 1960er-Jahren die Österreicher mit seiner radikalen Körperkunst. Nachdem er wegen einer Kunstaktion an der Wiener Uni mit monatelanger Haft verurteilt wurde, flüchtete er 1969 mit Frau und Kind nach Berlin, von wo er erst 1979 zurückkam. In den Jahrzehnten danach wurde aus dem Verfolgten ein vielfach Geehrter und Gewürdigter. Mit Brus ist gestern einer der bedeutendsten österreichischen Künstler der Gegenwart im Alter von 85 Jahren gestorben.

In seinen Aktionen in den 1960er-Jahren in Wien hat Günter Brus seinen eigenen Körper und seine Körperflüssigkeiten als Material für seine Kunst eingesetzt und ist dabei an die Grenzen des körperlich und psychisch erträglichen gegangen – sowohl für sich selbst, als auch für die Zuschauer: Die ritzende Rasierklinge diente dem Mitbegründer des "Wiener Aktionismus" am eigenen Körper als Ersatz für den Zeichenstift und auch Exkremente wurden bei den Aktionen herangezogen. Und er ging von Aktion zu Aktion immer einen Schritt weiter.

In den Aktionen hat Brus das Leid an den gesellschaftlichen Regeln und Zwängen der späten 1960er-Jahre, aber auch an der physischen Verletzlichkeit und Ausgesetztheit thematisiert. Zugleich hat er die geltenden künstlerischen Konventionen auf den Kopf gestellt, indem er seinen Körper zum Medium der Kunst erklärte.

Werk geht weit über "Wiener Aktionismus" hinaus

Sein Name ist untrennbar mit dem "Wiener Aktionismus" verbunden. Doch der gebürtige Steirer wollte sich in keine kunsthistorische Schublade stecken lassen, denn sein Werk geht weit darüber hinaus. Sein ausuferndes Oeuvre umfasst umfangreiche Werkgruppen, beginnend bei den frühen informellen Bildern, die Körperkunst der 1960er-Jahre, zigtausende an der Grenze von Literatur und Bildender Kunst angesiedelte "Bild-Dichtungen" sowie Arbeiten für die Bühne. Dazu kommt das umfangreiche literarische Werk des fantasievollen Sprachkünstlers, skurrilen Wortschöpfer und Phrasenzertrümmerer.

Günter Brus wurde am 27. September 1938 in Ardning in der Obersteiermark, exakt in Pürgschachen, geboren. Zwischen 1953 und 1958 besuchte er die Kunstgewerbeschule in Graz und die Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wobei er letztere vorzeitig abbrach. Nach einer informellen Werkphase schockte er in den 1960er-Jahren gemeinsam mit Muehl, Nitsch und Schwarzkogler die Öffentlichkeit mit seiner grenzensprengenden Körperkunst. "Ich hab aus innerem Zwang heraus auf den Zwang reagiert", sagte Brus einmal im Gespräch mit der APA. Legendär ist auch sein "Wiener Spaziergang", in dem er sozusagen als lebendiges Gemälde durch die Wiener Innenstadt ging.

Flucht nach Berlin

Die Beteiligung an der Aktion "Kunst und Revolution" an der Universität Wien (1968), bei der Brus sich ritzte, seinen Harn trank und sich mit seinem Kot beschmierte während er die Bundeshymne sang, ging schlecht für den Künstler aus: Er wurde wegen "Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Brus entging der Haft durch die Flucht nach Berlin. Dort gründete er mit Oswald Wiener und Gerhard Rühm die "Österreichische Exilregierung" und deren "Regierungs-Zeitschrift" namens "Die Schastrommel". Seinen Aktionismus beendete er im Jahr 1970 mit der "Zerreißprobe" in München. Erst 1976 konnte seine Frau beim Bundespräsidenten bewirken, dass seine Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde. 1979 kehrte der Künstler mit seiner Familie nach Österreich zurück und ließ sich in Graz nieder.

Nach der Abwendung vom Aktionismus 1979 verlegte Brus seine Botschaften auf Papier. Es begann mit der Mappe "Irrwisch" (1970 - 1972), und von da an stand die Zeichnung - und vor allem seine Bilddichtung-Zyklen – im Mittelpunkt seines Schaffens. Brus war auf den wichtigsten internationalen Kunst-Ausstellungen wie der documenta (1982 und 1992) oder der Biennale Venedig (1980) vertreten. Als Bühnenbildner stattete er u. a. die Gerhard Roth-Uraufführung "Erinnerungen an die Menschheit" beim steirischen herbst 1985 aus, aber auch Arnold Schönbergs "Erwartung" und Leos Janaceks "Das schlaue Füchslein".

Seine Werkliste als Autor umfasst u.a. den Roman "Die Geheimnisträger" (1982), die Kurzprosa-Sammlung "Amor und Amok" (1987) sowie seine "Schmähmoiren", "Die gute alte Zeit" (2002) und "Das gute alte Wien" (2007), einen fantastisch-albtraumhaften Rückblick auf seine Wiener Jahre.

Eigenes Museum und viele Auszeichnungen

Im Herbst 2011 bekam Brus in Graz mit dem Bruseum ein Museum, das nicht nur seine Werke regelmäßig zeigt und in den Kontext mit anderen Künstlerinnen und Künstler stellt, sondern auch Forschungsarbeit betreibt. Wenn im März das Wiener Aktionismus Museum (WAM) eröffnen wird, ist Brus' Aktion "Selbstbemalung" das Sujet der Eröffnungsausstellung "Was ist Wiener Aktionismus?". "In dieser Ausstellung und in unserem Museum werden Günter Brus und sein Werk nicht nur weiterleben – es wird gewürdigt und diskursiviert werden. Das WAM wird aufzeigen, welchen wichtigen Beitrag der Wiener Aktionismus mit u.a. Günter Brus zum Kunstbegriff nach 1945 geleistet hat", so Mitinitiator und Geschäftsführer Philipp Konzett.

Für sein künstlerisches Werk hat Brus u. a. den Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst (1996) und den Oskar-Kokoschka-Preis (2003) erhalten. 2018 wurde er mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Lands Steiermark und 2023 mit dem Ehrenring der Stadt Graz ausgezeichnet.

Brus lebte in den vergangenen Jahren mit seiner Tochter Diana und seiner Frau Anna am nördlichen Stadtrand von Graz. Kurz vor seinem Geburtstag im Herbst erkrankte er an Covid-19 und musste seine Teilnahme an den geplanten Veranstaltungen absagen. Zuletzt soll er an einer Lungenentzündung gelitten haben. (APA)

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