Als Ryan in die World of Warcraft eintauchte und darin fast ertrank

Bis zu 60 Stunden pro Woche spielte Ryan Van Cleave „World of Warcraft“. Der Weg zurück in die reale Welt ist für ihn nach wie vor mühsam.

Von Tamara Lush

Sarasota – Auf der Höhe seiner Spielesucht konnte Ryan Van Cleave manchmal kaum noch die Realität von der Fantasiewelt in „World of Warcraft“ unterscheiden. Sah er an der Supermarktkasse stehend aus dem Augenwinkel jemanden eine plötzliche Bewegung machen, wähnte er sich für den Bruchteil einer Sekunde in einem der Abenteuer in dem Online-Spiel - und war drauf und dran, entsprechend zu reagieren. So wie er es bis zu 60 Stunden pro Woche im Kampf gegen Drachen und andere Monster vor dem Bildschirm tat.

„World of Warcraft“ ließ alles andere in seinem Leben in den Hintergrund rücken: seine Frau, seine Kinder, seinen Job. Jede freie Minute saß er am Computer, auch während der Mahlzeiten. Denn die Welt in dem Spiel erschien ihm um so vieles verlockender als die Strapazen des Alltags - nicht zuletzt dann, wenn er sich mit seiner Frau wegen der aus ihrer Sicht überhandnehmenden Zeit am Rechner streiten musste.

Das Spielen habe ihm ein gutes Gefühl gegeben, schreibt Van Cleave Jahre später rückblickend in einem Buch über seine Sucht. „Ich hatte die ultimative Kontrolle und konnte tun, was ich wollte, ohne mich groß um die Auswirkungen zu kümmern.“ Dass die Sache am Ende doch auch „IRL“ - Computersprache für „im realen Leben“ - zu einem Problem werden könnte, wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen.

Van Cleave begeisterte sich schon in seiner Jugend in Chicago für Computerspiele. Es war aber nicht sein einziges Hobby, und andere Jungs spielten auch. Für seine Eltern schien die Zeit vor dem PC daher nicht bedenklich. Auch im Studium ließen sich die 15 bis 20 Stunden pro Woche noch einigermaßen mit den Verpflichtungen des Alltags in Einklang bringen. Schwierig wurde es erst danach. Zu Beginn seines Berufslebens spielte er meist die kompletten Wochenenden durch. Seine Frau, die gerade mit dem ersten Kind schwanger war, beschreibt ihre damaligen Gefühle mit nur einem Wort: „angewidert“. Sie habe einfach nicht verstehen können, dass jemand diese Scheinwelt einer echten Familie vorzog.

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Flucht vor Problemen in der realen Welt

Doch Van Cleave war so sehr von dem Spiel fasziniert und gefesselt, dass ihm „die andere Welt“ tatsächlich fast egal war. Die Beziehung litt zunehmend darunter. Er merkte, dass die Kollegen bei der Arbeit ihn immer mehr mieden. Aber anstatt die Dinge in Ordnung zu bringen, schaltete er lieber den Computer an und tauchte ab in die Welt, in der alles nach seinen Vorstellungen lief.

„World of Warcraft“ zählt zu den erfolgreichsten Produkten des kalifornischen Softwareentwicklers Blizzard. Millionen Menschen nutzen das Online-Rollenspiel auf Abonnementbasis. Jeder der miteinander über das Internet vernetzten Spieler bewegt sich mit einer selbst kreierten Figur durch die virtuellen Welten. Im offenen Spielverlauf, in den sich jeder zu jeder beliebigen Zeit einklinken kann, bilden die „Charaktere“ Teams und nehmen gemeinsam Missionen in Angriff. Währenddessen sind die einzelnen Mitspieler per Chat oder auch per Headset miteinander verbunden. Nicht selten entwickeln sich über die Zeit wahre „Freundschaften“ - die in der Regel allerdings auf das Spiel beschränkt bleiben.

Das Suchtpotenzial des Spiels ergibt sich vor allem dadurch, dass es kein Ende hat. „Es gab immer noch was Besseres und Cooleres“, sagt Van Cleave. „Man konnte nie genug virtuelles Geld haben, genügend Waffen oder ausreichende Unterstützung.“ Das Unternehmen Blizzard wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP nicht zu dem Thema äußern.

Kündigung ermöglichte noch ausführlicheres Spielen

Als im Jahr 2007 sein zweites Kind geboren wurde, verbrachte Van Cleave etwa 60 Stunden pro Woche mit „World of Warcraft“. Einige Monate später verlor er seinen Job. Als Ersatz fand Van Cleave eine Teilzeitstelle - was vor allem bedeutete, dass er noch mehr Zeit zum Spielen hatte. Er kaufte zwei neue Computer und gab Hunderte echte Dollar für virtuelles Geld in der Scheinwelt aus. Freunde bemerkten deutliche Veränderungen seiner Persönlichkeit. Wenn Dinge des realen Lebens ihn beim Spielen gestört hätten, sei er sehr schnell sehr aggressiv geworden, erinnert sich Rob Opitz, der Van Cleave seit Schulzeiten kennt.

Ende Dezember 2007 schließlich sah Van Cleave selbst ein, dass es auf diese Art nicht weitergehen konnte. Nach 18 Stunden nonstop vor dem PC stand er in Washington auf einer Brücke über den Potomac River. Ihm wurde bewusst, wie schlecht es um ihn stand. „Die Kinder hassen mich. Meine Frau droht (schon wieder), mich zu verlassen“, rekapituliert er die Gedanken. Beruflich hatte er kaum Perspektiven, und wegen des Spielens litt er an ständigem Schlafmangel. Van Cleave war kurz davor, ins eiskalte Wasser zu springen.

Im letzten Moment überlegte er es sich dann doch noch anders. Er ging nach Hause - und löschte „World of Warcraft“ von der Festplatte seines Computers. Van Cleave begann von vorne, diesmal allerdings „IRL“ - „im realen Leben“.

Nächtliche Rückkehr in virtuelle Welten

Der Weg zurück war mühsam, aber er schaffte es. 2010 erhielt er einen neuen Job an einer Universität in Florida. Im gleichen Jahr erscheint sein Buch „Unplugged: My Journey into the Dark World of Video Game Addiction“ - „Ausgeloggt: Meine Reise in die dunkle Welt der Spielesucht“. Über seine Erfahrungen hat er auch in mehreren Selbsthilfegruppen gesprochen.

Van Cleave ist von „World of Warcraft“ losgekommen, aber noch heute, vier Jahre später, ist er noch immer nicht ganz davon befreit. Vor allem nicht in seinen Träumen. Immer wieder spielt er darin einen seiner einstigen „Charaktere“. Wenn er aufwacht, ist er atemlos, schweißgebadet und hat stets den gleichen Impuls: zum Computer zu gehen und sich wieder einzuloggen. ( Tamara Lush ist Korresp ondentin der Nachrichtenagentur AP )


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