Die Weisheit der Masse an der Werkbank

Das New Yorker Internet-Unternehmen Quirky setzt auf eine andere Art der Ideenfindung, die anscheinend großen Anklang findet.

Von: Jake Coyle

New York – Auf den ersten Blick wirkt das New Yorker Internet-Unternehmen wie so viele andere. Etwa 50 junge Menschen sitzen vor ihren Computern, ein visionärer Chef sorgt für eifrige, kreative Atmosphäre. Gemessen an dem, was am Ende herauskommt, sticht Quirky aus den Klischees der Branche jedoch hervor. „Wir sind wohl das altmodischste Start-up, das man sich vorstellen kann“, sagt der 24-jährige Firmengründer Ben Kaufman - denn alles, was Quirky produziert, entsteht ganz klassisch an der Werkbank. „Wir stellen Produkte her. Wir laden sie auf ein Schiff. Wir bringen sie in den Handel“, erklärt Kaufman das scheinbar banale Konzept.

Jeder kann mitmachen.

Das eigentlich Interessante an der Sache ist allerdings das, was davor passiert. Quirky nutzt die in der IT-Branche so umworbene „Weisheit der Masse“, um Ideen für neue Produkte zu ermitteln. Jeder kann mitmachen - und jeder kann daran verdienen. Die Methode ist so clever und offenbar Erfolg versprechend, dass die Investmentgesellschaft Norwest Venture Partners mit 16 Millionen Dollar (11 Millionen Euro) eingestiegen ist. Bereits im kommenden Jahr will Kaufman schwarze Zahlen schreiben. Auch die mediale Aufmerksamkeit scheint gesichert: Der amerikanische Fernsehsender Sundance Channel zeigt heute die erste Folge einer sechsteiligen Reality-Serie über den Alltag bei Quirky. Auf der Internet-Seite des Unternehmens können kurz und knapp Ideen für neue Produkte vorgestellt werden. Andere Nutzer kommentieren und bewerten. Jeden Freitag werden zwei Gewinner gekrönt. Quirky sorgt für die Entwicklung eines Prototypen. Wenn eine ausreichende Anzahl der Nutzer sich bereit erklärt, ein Exemplar zu kaufen, machen sich 15 Mitarbeiter in China an die Serienproduktion. 30 Prozent des Erlöses aus dem direkten Verkauf und 10 Prozent aus dem indirekten Verkauf über Partner wie der US-Handelskette Bed Bath & Beyond oder dem Home Shopping Network gehen an die aktiven Nutzer der Quirky-Website. Den größten Anteil davon erhält der ursprüngliche Ideengeber. Aber auch all diejenigen, die mit Kommentaren oder Verbesserungsvorschlägen an der Entwicklung beteiligt waren, verdienen mit.

Der Produktpalette sind keine Grenzen gesetzt.

Das Angebot reicht von einem zusammenklappbaren Schneebesen für die Küche über eine Beleuchtung für die PC-Tastatur bis hin zu Kinderspielzeug. Jeder sei im Alltag mit kleinen, aber mitunter nervenaufreibenden Problemen befasst, sagt Kaufman. „Dafür wurde Quirky ins Leben gerufen, um diese Probleme als Möglichkeiten zu erfassen und Produkte daraus zu machen.“ Eines der bisher erfolgreichsten Produkte wurde von dem Studenten Jake Zien erfunden: eine dehnbare Mehrfachsteckerleiste. Dass er damit Geld verdienen würde, hätte Zien nie gedacht - und freut sich umso mehr über jeden unverhofften Dollar.

Der Nudeltopf mit integriertem Sieb.

Andere gehen gezielter an die Sache heran. Andrea Zabinski hofft, dass ihr Nudeltopf mit integriertem Sieb zum Abgießen ein Verkaufsschlager wird. Schon jetzt aber habe sie mehr als 5.000 Dollar (3.450 Euro) durch ihren Input für die Ideen anderer Erfinder verdient, sagt sie. In der anlaufenden Fernsehserie geht es auch um die Probleme auf dem Weg von der Idee bis zum fertigen Produkt: Verzögerungen durch die Regulierungsbehörden etwa im Falle der Mehrfachsteckerleiste, oder der langwierige Prozess bis zu einem zufriedenstellenden Design für den multifunktionalen Nudeltopf. Die zentrale Botschaft jedoch bleibt eindeutig: Die Entwicklung von Produkten ist etwas, das jeder kann. http://www.quirky.com

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(Jake Coyle ist Korrespondent der Nachrichtenagentur AP)


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