Die EZB steuert auf eine Zinspause zu

Ausschlaggebend sind in erster Linie die spürbare Konjunkturabkühlung im Währungsraum und geringere Inflationsgefahren.

Frankfurt - Was Experten seit einiger Zeit vermutet hatten, nimmt zusehends Gestalt an: Die Europäische Zentralbank (EZB) scheint auf eine Zinspause zuzusteuern. Nachdem die Notenbank die Leitzinsen im Frühjahr erstmals seit der Finanzkrise erhöht hatte und im Sommer den zweiten Zinsschritt hat folgen lassen, rechnen viele EZB-Beobachter damit, dass die Währungshüter nun für einen längeren Zeitraum nicht mehr an der Zinsschraube drehen werden. Ausschlaggebend sind in erster Linie die spürbare Konjunkturabkühlung im Währungsraum und geringere Inflationsgefahren. Darüber hinaus dürfte die immer noch lodernde Schuldenkrise den Spielraum der Notenbank spürbar einschränken.

Zinssenkungen unwahrscheinlich

Auch jüngste Signale der Währungshüter lassen weitere Zinserhöhungen immer unwahrscheinlicher werden. Zu Wochenbeginn hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vor dem Europaparlament angekündigt, die Notenbank prüfe derzeit ihre Einschätzung zur mittelfristigen Inflationsentwicklung.

Das sind neue Töne: Bis vor kurzem hatte Trichet noch von spürbaren Inflationsrisiken gesprochen. Seither haben sich die Rahmenbedingungen im Währungsraum aber geändert: So war das Wachstum im Euroraum nach einem fulminanten Jahresstart zuletzt denkbar gering, die Lage kam schon fast einer Stagnation nahe. Zudem scheint der Notenbank die Entwicklung der Verbraucherpreise in die Karten zu spielen. Insbesondere die Energiepreise waren zuletzt rückläufig.

Dass die EZB auf die Schuldenkrise, das schwächere Wachstum und den vermutlich geringeren Preisdruck gar mit Zinssenkungen reagieren könnte, gilt unter Experten jedoch als unwahrscheinlich. „Im Euroraum deutet sich eine Zinspause an - nicht mehr“, sagt EZB-Beobachter Michael Schubert von der Commerzbank. Nachdem der Experte wie etliche andere lange Zeit mit zumindest einer weiteren Zinserhöhung im laufenden Jahr gerechnet hatte, erwartet er nun eine Pause bis etwa Mitte 2012.

„Die EZB reagiert damit auf die ungünstigeren Wachstumsperspektiven im Euroraum. Zudem dürfte die Inflation im kommenden Jahr etwas stärker zurückgehen als bisher erwartet“, erklärt Schubert. Anfang Juli hatte die EZB den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent angehoben. Der Leitzins wurde damit zum zweiten Mal binnen drei Monaten erhöht, nachdem er zuvor fast zwei Jahre auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent verharrt hatte.

Wachstum verlangsamt

Das künftige Wachstum im Währungsraum dürfte gleich durch mehrere Faktoren belastet werden: Für eine schwache Konjunktur im zweiten Halbjahr spricht zum einen der starke Sparkurs in vielen Euro-Ländern, die durch die Schuldenkrise gebeutelt werden. Zudem hat sich das Wachstum auch in vielen Ländern außerhalb Europas spürbar verlangsamt.

In den USA gibt es sogar Befürchtungen, dass die weltgrößte Volkswirtschaft in die zweite Rezession innerhalb weniger Jahre abgleiten könnte. Darüber hinaus gelten die realwirtschaftlichen Auswirkungen der schweren Börsenturbulenzen bis Mitte August als unklar.

„Die EZB reagiert auf die aktuellen Entwicklungen, und das muss sie auch“, unterstreicht Commerzbank-Experte Schubert. Dennoch bewegt sich die Notenbank auf dünnem Eis: Spätestens mit dem milliardenschweren Ankauf italienischer und spanischer Staatsanleihen ist die EZB in die Schusslinie geraten. Nicht wenige Ökonomen kritisieren, die Notenbank greife mit den Anleihekäufen direkt in Marktprozesse ein. Daneben wird mitunter der Vorwurf laut, sie betreibe Staatsfinanzierung über die Notenpresse.

Und die Krisenpolitik der EZB macht nicht bei finanzschwachen Euro-Staaten halt. Nach wie vor stützt sie das Bankensystem mit reichlich Liquidität zu einem geringen Preis.

Bis zuletzt hatte die Notenbank immer wieder auf die strikte Trennung zwischen ihrer Zinspolitik und Krisenmaßnahmen verwiesen. Schon aber werden unter Experten Stimmen laut, dass sich mit einer Zinspause ihren Kritikern eine zusätzliche Flanke öffnen könnte. Sollte sich nämlich die Einschätzung breit machen, die Notenbank räume ihrer Krisenpolitik größeren Raum ein als der Inflationsbekämpfung, würde das Ansehen der Notenbank erheblichen Schaden nehmen. Und da Reputation das wertvollste Gut einer Zentralbank ist, wäre der Schaden immens und wohl nur schwer zu beheben. (APA/dpa)


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