Behauptungen der Nachbarin sind für Bürgermeister „allerhand“

Im Fall der 87-jährigen Zillertalerin, die verwahrlost in ihrem Haus in Mayrhofen entdeckt wurde, hat sich jetzt auch die Staatsanwaltschaft eingeschalten.

Mayrhofen, Schwaz – Überall Berge von Müll, Exkremente, ein unbeschreiblicher Gestank, mitten in dem totalen Chaos eine alte, wehrlose Frau auf einem Notbett. Das Bild, das sich Sprengelarzt Wilfried Schneidinger am Sonntag in einem Haus in Mayrhofen bot, hat Spuren hinterlassen. „Die Situation vor Ort war ganz schlimm. Es ist schockierend, dass so etwas in Mitteleuropa überhaupt möglich ist“, sagte Schneidinger gestern im Gespräch mit der TT. Trotz der offenbar unfassbaren Zustände will niemand etwas bemerkt haben, niemand hat reagiert. Nicht ganz!

Eine Nachbarin hatte Alarm geschlagen, mehrfach. Doch auch dann geschah noch rund eine Woche nichts. Erst über den Tierschutzverein und die Zillertaler Polizei kam Bewegung in den Fall und die verwahrloste 87-Jährige ins Krankenhaus. Und das obwohl die Rettung eine Woche zuvor gerufen wurde, wie die Nachbarin Verena Mair im Life Radio-Interview am Mittwochmorgen schilderte.

Mittlerweile hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschalten. „Die in den Medien bekannt gewordenen Aussagen einer weiteren Zeugin sind bei der Staatsanwaltschaft bekannt. Eine entsprechende Zeugenaussage liegt uns bereits vor. Das Landeskriminalamt wurde bereits mit den Ermittlungen betraut“, erklärt eine Sprecherin auf Anfragen von Life Radio Tirol. Man müsse die ersten Ermittlungsergebnisse abwarten, bevor weitere Schritte gesetzt würden, betonte sie.

Keine Anzeichen von Verwahrlosung

Ganz von der Hand zu weisen sind die Aussagen also nicht. „Grundsätzlich ist diese Aussage richtig. Die Rettung ist ungefähr eine Woche vor Auffinden der Person am Sonntag vor Ort im Haus gewesen“, bestätigt auch der Geschäftsführer der Bezirksstelle des Roten Kreuzes, Matrin Schiestl. Grund für den Einsatz sei eine Meldung gewesen, dass die Mutter gestürzt sei. Die Rettungsmitarbeiter hätten sich dann davon überzeugt, ob eine Verletzung vorliegt.

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Während die Polizei und der Sprengelarzt eine Woche später vor Betreten des Hauses die Räume wegen des unerträglichen Gestanks erst lüften mussten, hat die Rettungsmannschaft eine Woche zuvor keinen Verdacht geschöpft: „Die Mitarbeiter haben geschildert, dass es dort keine Müllablagerungen gegeben hat. Es hat sich um einen mehr oder weniger normalen Hausgang gehandelt“, beschreibt Schiestl am Mittwoch die Angaben der Rot Kreuz Helfer. „Zutritt zu Räumen des Hauses, wo es scheinbar nun doch Zustände gegeben hat, die nicht ideal waren - nennen wir es so - hat es für die Mannschaft nicht gegeben, da der Zutritt nicht erforderlich war und auch nicht gewährt wurde.“ Mit den Informationen, die vorlagen, hätte das Rote Kreuz demnach nichts anderes tun können, als getan wurde. Das Bild, das die Mannschaft von der Situation hatte, sei im Nachhinein gesehen leider nicht vollständig gewesen, so Schiestl.

Bürgermeister findet Vorgehen „allerhand“

Aber nicht nur das Rote Kreuz soll laut der Nachbarin von den Zuständen gewusst haben. Per Telefon hat Mair auch den Sozialsprengel und die Gemeinde informiert, wie sie im Life Radio Gespräch am Mittwochmorgen sagt. Eine Aussage, die der Bürgermeister von Mayerhofen, Günter Fankhauser, so nicht stehen lassen will, denn die Frau habe die Situation bei der Gemeinde anonym angezeigt. „Da hätten wir uns gar nicht zurückmelden können.“

Zudem findet es Fankhauser „schon a bissl allerhand, auch den Sozial- und Gesundheitssprengel einzubeziehen“. Der habe aber „überhaupt nie einen Anruf wegen diesen Zuständen bekommen“, wie der Bürgermeister am Mittwoch betont. Die Nachbarin habe am vergangenen Donnerstag bei der Gemeinde angerufen und sich lediglich auf den Geruch und den Müll im Haus bezogen. Über die 87-Jährige soll die Frau kein Wort verloren haben, erklärt Fankhauser.

Am Freitag habe Fankhauser den Aktenvermerk über den Anruf gelesen und an seinen Amtsleiter weitergeleitet. Inzwischen hat dann die Polizei die Erhebungen aufgenommen und ihm schließlich am Sonntag die Bilder der Situation gezeigt, schildert der Bürgermeister den Ablauf. Zudem habe er Mutter und Tochter vor ein paar Wochen zusammen im Auto gesehen. „Da wär uns nie etwas aufgefallen. Und wenn ich heut ein Nachbar bin, dann muss ich soviel Courage haben, meinen Namen zu nennen und zu sagen, macht‘s das gleich. Aber nicht anonym einen Aktenvermerk hinterlassen.“ (tt.com)


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