Löw zufrieden: „Haben Österreich 90 Minuten nicht atmen lassen“

Der deutsche Bundestrainer sprach von einer bemerkenswerten Leistung und sieht seine Mannschaft im engsten Favoritenkreis für die EURO.

Die EM-Qualifikation ist geschafft, wie bewertet der Bundestrainer den letzten Schritt gegen Österreich?

Löw: „Es war eine klasse Leistung von der Mannschaft, wie wir die Qualifikation bislang gemeistert haben. Wir haben sie so früh wie möglich geschafft. Nach einer kräfteraubenden WM haben wir jetzt alle Spiele in der Qualifikation gewonnen. Das ist absolut bemerkenswert.“

Warum fiel der Unterschied im Vergleich zum mühsamen 2:1-Sieg Anfang Juni in Wien so deutlich aus?

Löw: „Wir sind frischer als zum Ende der vergangenen Saison. Wir haben die Österreicher 90 Minuten nicht atmen lassen, das war der Schlüssel. Wir haben Österreich in jeder Beziehung beherrscht und dominiert.“

Wenn Sie Ihr Team jetzt zur WM in Südafrika vergleichen, wie fällt der aus?

Löw: „Vergleiche zur WM zu ziehen ist schwierig. Es ist ein ständiger Prozess, sich weiterzuentwickeln. Der begann nicht bei der WM 2010, der begann schon vorher, vielleicht 2008, als wir gesagt haben: Konkurrenzkampf erhöhen, junge Spieler integrieren und uns fußballerisch verbessern. Daran haben wir gearbeitet. Wir hatten früher schon gegen kleinere, defensiv ausgerichtete Nationen ein paar Probleme. Aber wir haben heute gezeigt, dass man mit viel Bewegung, viel Intensität und viel Fleiß Torchancen herausspielt.“

2006 haben Sie hier in Gelsenkirchen als Bundestrainer Ihr erstes Länderspiel gemacht. Wenn Sie an die Anfänge zurückdenken, kommt es Ihnen dann etwas unwirklich vor, was Sie heute gesehen haben?

Löw: „Unwirklich? Die Möglichkeiten heute sind größer. Der Kader ist in der Breite qualitativ sicherlich anders besetzt als damals. Es können auch Spieler mal adäquat ersetzt werden. Der Konkurrenzkampf treibt die Spieler an, die Spannung hochzuhalten.“

Wie gehen Sie weiter vor mit Blick auf die nächsten Spiele?

Löw: „Mir wird jetzt die Möglichkeit gegeben, das eine oder andere auszuprobieren Richtung 2012. Es ist für mich auch enorm wichtig, dem einen oder anderen Spieler - gerade denjenigen, die in der Champions League sind - einfach mal eine Pause zu geben. Die Spannung werden wir trotzdem versuchen hochzuhalten. Wir spielen noch gegen Belgien und die Türkei, da wird die Brisanz von allein hoch sein. Ob es uns gelingt, in jedem Spiel so eine klasse Leistung abzurufen, weiß ich nicht. Aber der Weg insgesamt stimmt absolut.“

Greifen mögliche Pausen und Experimente schon gegen Polen?

Löw: „Ganz sicher wird der eine oder andere Spieler zuerst auf der Bank sitzen. Und der eine oder andere wird neu in die Mannschaft kommen. Ich kann es mir gut vorstellen, dass eine andere Mannschaft aufläuft.“

Per Mertesacker hat nicht in der Innenverteidigung gespielt. Wie stehen seine Chancen für die Zukunft?

Löw: „Natürlich absolut gut. Ich bin ein Trainer, der den Per enorm schätzt. Er hat den Bonus von drei Turnieren. Heute habe ich mich für Badstuber und Hummels entschieden, aber der Per genießt bei mir ein enorm großes Vertrauen, weil er uns immer zufriedengestellt hat.“

Vor dem Spiel hatten Sie gesagt, dass Lukas Podolski unter besonderer Beobachtung stehen würde. Wie hat er Ihnen gefallen?

Löw: „Ich glaube, genausogut wie Ihnen. Ich war absolut zufrieden mit ihm. Er hat das gemacht, was ihn stark macht. Er ist viel ohne Ball unterwegs gewesen. Er ist viel in die Tiefe gegangen. Es gab unglaublich viele Situationen, wo der Lukas links durch ist - nicht nur beim Tor. Er ist dann klasse, wenn er aus der Bewegung spielt. Das war auch meine Forderung an ihn in dieser Woche.“

Ist die deutsche Mannschaft - Stand jetzt - die beste in Europa?

Löw: „Das würde ich nicht unbedingt sagen. Wir sind eine sehr, sehr gute Mannschaft. Wir sind seit Jahren konstant in der Weltspitze. Wir haben fußballerisch einen Sprung gemacht. Wir haben in Europa einige andere Nationen, die absolut auch zu den Favoriten gehören. Es gibt bei der EM wahrscheinlich eine Gruppe von Favoriten. Dazu zählt Spanien, Holland, die auch permanent ihre Spiele gewinnen. Portugal hat eine gute Mannschaft, England, Frankreich - aber unsere Mannschaft gehört schon auch zu den besten in der Welt.“

Sie wurden kritisiert, dass Sie Mario Götze nicht früher einsetzen. Wie sehen Sie das?

Löw: „Mario Götze ist ein überragend guter Spieler in seinem Alter. Es wird der Zeitpunkt kommen, dass er auch wieder von Anfang an spielt. Er ist 19, und man sollte so einen Spieler auch nicht überfordern. Er spielt erstmals in der Champions League. Er hat im letzten halben Jahr auch bei der Nationalmannschaft einen großen Sprung gemacht. Er hat sich einen festen Platz im Kader erspielt.“

Kann es das Duo Özil/Götze geben?

Löw: „Selbstverständlich. Das wird sicherlich mal so sein. Wir haben aber auch andere Spieler, wie Toni Kroos, wie Bastian Schweinsteiger, wie Sami Khedira, die im Mittelfeld auch klasse harmonieren. Darüber bin ich froh. Mario Götze hat im letzten halben Jahr eine glänzende Entwicklung gemacht. Wann er mal mit dem Mesut spielt, das entscheide ich dann.“

Aufgezeichnet von Klaus Bergmann, dpa


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