Mutmaßlicher Nazi-Kriegsverbrecher Kepiro gestorben

Er verstarb am Samstag im Alter von 97 Jahren. Erst Mitte Juni war ein Prozess gegen ihn mit einem Freispruch zu Ende gegangen.

Budapest – Einer der einst meistgesuchten mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher, der Ungar Sandor Kepiro, ist tot. Er starb Samstag früh im Alter von 97 Jahren in Budapest, wie seine Familie laut einem Bericht der Nachrichtenagentur MTI mitteilte. Ein Gericht in Budapest hatte Kepiro erst Mitte Juli vom Vorwurf freigesprochen, Kriegsverbrechen begangen zu haben, doch die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein.

Die Anklagebehörde wirft Kepiro vor, im Jänner 1942 im damals von Ungarn annektierten Novi Sad die Ermordung von 36 Menschen, hauptsächlich Juden, angeordnet zu haben. Insgesamt waren bei den Massakern im heutigen Serbien mindestens 1200 Zivilisten getötet worden.

Im Prozess hatten Historiker, die als Experten in den Zeugenstand gerufen worden waren, die für die Anklage herangezogenen Dokumente als unvollständig oder als schlecht übersetzt eingestuft. Richter Bela Verga hatte in seiner Begründung des Urteils vom 18. Juli gesagt, der Prozess habe „vor allem Besorgnis und Zweifel ans Licht gebracht, aber keine Fakten“. Er habe Sandor Kepiro „nicht aus Mangel an kriminellen Handlungen, sondern aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen. Staatsanwalt Zsolt Falvai hatte den Freispruch als „unbegründet“ bezeichnet und Berufung eingelegt.

Der greise Angeklagte hatte den Prozess nur noch mit Mühe verfolgen können. Während der Urteilsverkündung hing Kepiro an einem Infusionstropf. Gerichtsmediziner waren zuvor zu dem Schluss gekommen, dass er geistig folgen und zusammenhängende Erklärungen abgeben könne. Wegen seiner Schwerhörigkeit brauchte er aber Hilfe. In seiner letzten Stellungnahme vor Gericht beteuerte der gelernte Jurist zum wiederholten Male seine Unschuld.

Im Zusammenhang mit den Massakern von Novi Sad war Kepiro bereits 1944 und 1946 wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen angeklagt, verbüßte aber nie eine Haftstrafe. Im ersten Verfahren wurde die von einem Militärgericht angeordnete zehnjährige Haft von den Behörden später annulliert. Das Urteil zu 14 Jahren Haft im zweiten Prozess erging in Abwesenheit, weil Kepiro zwei Jahre zuvor nach Argentinien ausgewandert war, dem Zufluchtsland vieler NS-Kriegsverbrecher. 1996 kehrte er nach Ungarn zurück.

Der Prozess gegen Kepiro galt als einer der möglicherweise letzten gegen einen mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher. Das Verfahren hatte erneut gezeigt, wie schwer die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen mehr als 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist, weil die meisten Zeitzeugen verstorben sind oder verlässliche Dokumente fehlen. (APA/AFP/dpa)


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