87-Jährige starb nach ihrer Rettung aus Müllbergen, Gestank und Not

Sie musste ein Dasein in Müllbergen fristen. Nun ist sie tot. Und am Ende bleiben Fragen zu Verantwortung und Schuld, die nach Antworten suchen.

Mayrhofen – Es ist eine Tragödie, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Eine 87-jährige Frau fristet ein miserables, menschenunwürdiges Dasein. Sie lebt nicht, sie vegetiert vor sich hin. Sie kann nicht frei entscheiden, sich nicht befreien. Sie ist gefangen in ihrer erbarmungswürdigen Situation. Inmitten von Müllbergen und Kot, eingehüllt von einem bestialischen Gestank.

Am 28. August endet das unmittelbare Leiden dieser Frau. Sie wird befreit. Aber vordergründig nicht ihretwegen, sondern wegen ein paar Katzen. Der Tierschutzverein hat am Sonntagvormittag Anzeige erstattet. Die Polizei rückt samt Sprengelarzt an. Die Hausdurchsuchung, die folgt, befördert das Drama zu Tage, zerrt es ans Licht der Öffentlichkeit, ins Bewusstsein der Nachbarn, Ortsansässigen und das der Tiroler.

„Dass so etwas passiert ist“

„Apathisch“ habe die Frau auf dem Notbett gewirkt, berichten später die Einsatzkräfte. Ein Ort übt sich in Betroffenheit. So wie der Amtsleiter der Gemeinde Mayrhofen, Wolfgang Stöckl, dem die Frage und traurige Feststellung entfährt: „Dass so etwas in unserer Gemeinde passiert ist.“

Keiner will und keiner wollte etwas gewusst haben. Doch jemand hat den Tierschutzverein informiert.

Dieser jemand ist nach eigenen Angaben Verena Mair, eine Nachbarin. „Ich hab fast eine Woche gebraucht und erst durch den Tierschutzverein, den ich wegen den Katzen angerufen hab, ist die Sache ins Laufen gekommen“, sagt sie Life Radio in einem Exklusivinterview.

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Eine Aussage, die Sprengstoff in sich birgt. Das weiß auch der Bürgermeister von Mayrhofen, Günter Fankhauser. Denn wenn Mair erklärt, sie habe „fast eine Woche gebraucht“, dann meint sie die Zeit, in der sie versucht hat, jemanden im Dorf für das Schicksal der 87-Jährigen zu interessieren.

Tage ohne Antwort und ohne Einschreiten

Mair hatte sich bereits Tage bevor der Fall ans Licht kam telefonisch beim Sozialsprengel gemeldet. Beim Gespräch sei sie darauf hingewiesen worden, dass sie als Nachbarin die Kosten zu tragen hätte, sollte sie dem Sozialsprengel den Auftrag zum Nachsehen geben. „Dann haben sie gesagt, wenn das so ein schlimmer Fall ist, geht das den Bürgermeister etwas an.“

Mair versucht daraufhin ihr Glück im Gemeindeamt: „Zum Bürgermeister direkt bin ich nicht gekommen. Aber die Sekretärin hat gemeint, sie wird es dem Bürgermeister weiterleiten und der wird dem Sozialsprengel einen Auftrag geben. Die schauen dann vorbei“, berichtet die Zillertalerin von ihrem Telefonat und stellt fest: „Aber wie‘s ausschaut, ist da nichts in Bewegung gekommen.“

Doch Verena Mair gibt nicht auf. Beim Tierschutzverein hört ihr offenbar jemand zu. Die Polizei wird alarmiert, kommt – und das nicht nur wegen ein paar Katzen.

Bürgermeister Fankhauser verteidigt sich gegenüber der TT. Die Frau habe anonym angezeigt. „Da hätten wir uns gar nicht zurückmelden können.“ Zudem fand es Fankhauser am Mittwoch letzter Woche „schon a bissl allerhand, auch den Sozial- und Gesundheitssprengel einzubeziehen“. Der im Übrigen „überhaupt nie einen Anruf wegen diesen Zuständen bekommen“ habe.

„Totale Mülldeponie“

Doch wie auch immer der genaue zeitliche Ablauf der Ereignisse konkret verlaufen ist: „Um 12.28 Uhr durchsuchte die Polizei Mayrhofen das Wohnhaus. Die Hausbesitzerin (53) war anwesend. Das nach außen hin gut gepflegte Wohnhaus entpuppte sich im Inneren als totale Mülldeponie“, schreibt die Sicherheitsdirektion wortwörtlich in ihrem Bericht vom Einsatz am Sonntag (28. August), der zur Befreiung der 87-Jährigen geführt hat.

Die Frau wird anschließend ins Krankenhaus nach Schwaz zur Behandlung gebracht. Eine Behandlung, die offensichtlich nicht mehr fruchten konnte. Am Samstag, sechs Tages später, stirbt die Frau.

Trocken schreibt die Sicherheitsdirektion am Sonntagabend in dem für die Polizei typischen Wortlaut - und genau eine Woche nach der Befreiung: „Nachträglich wird berichtet, dass das Opfer am 03.09.2011 verstorben ist.“

Zur Klärung der Todesursache wird eine Obduktion angeordnet. Ihre 53-jährige Tochter, der das Haus gehört, wurde bereits am 28. August wegen Quälens bzw. Vernachlässigen einer wehrlosen Person angezeigt.

Spekulationen

Spekuliert wird dieser Tage viel darüber, warum es zu der Tragödie gekommen sein könnte. Nicht nur im Ort, sondern im ganzen Land werden Fragen mit Theorien statt Fakten beantwortet.

Die Fakten aber sind bitter: Die 87-jährige Frau ist tot. Ihr Leiden endete schlagartig, nach knapp einer Woche in neu gewonnener Freiheit, die sie nicht genießen konnte.

Eine Theorie ist möglicherweise am Ende tröstlich: Vielleicht ist das neue Sein der 87-jährigen Mutter ein schöneres – ohne Müll, ohne Dreck, ohne Kot und Gestank – wo immer es auch sein mag. Und die Fakten in diesem Fall, sie müssen noch aufarbeitet werden. Um Schuldige von Unschuldigen zu trennen und jene Personen oder Systeme zu finden, die einen solchen Fall überhaupt geschehen lassen haben. (tt.com)


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