Prozess gegen Osttiroler Mediziner - Urteil erwartet

Der behandelnde Arzt des 2009 im Alter von zwei Jahren verstorbenen Jakob muss sich heute noch wegen eines weiteren Vorfalls erklären.

(Symbolfoto)
© TT/Thomas Böhm

Innsbruck – Nach dem Tod des zweijährigen Jakob aus Osttirol im Jahr 2009 ist am Donnerstag der Prozess gegen die Eltern und den behandelnden Arzt am Innsbrucker Landesgericht mit der Einvernahme weiterer Zeugen fortgesetzt worden. Ihnen wird das Quälen und Vernachlässigen eines Kindes mit Todesfolge vorgeworfen. Den drei Beschuldigten drohen im Fall einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.

Der Bub litt an einem schweren angeborenen Immundefekt. Die Eltern werden beschuldigt, trotz der schweren Vorerkrankung des Kindes die Verabreichung notwendiger Medikamente abgelehnt und nicht für eine ausreichende Ernährung gesorgt zu haben. Sie hatten sich zu Prozessbeginn Anfang Juli teilweise schuldig bekannt. Sie gaben an, Angst vor einer Wegnahme des Kindes gehabt zu haben. Außerdem hätten sie schlechte Erfahrungen bei der Behandlung ihrer beiden in den 90er Jahren an der selben Krankheit verstorbenen Babys gemacht. Der 48-jährige Allgemeinmediziner plädierte auf nicht schuldig. Er habe bis zuletzt „keine Indikation für eine Einweisung in ein Krankenhaus“ gesehen, sagte der Arzt am zweiten Verhandlungstag Ende Juli gegenüber Richterin Gabriele Lukasser.

Eltern lehnten Behandlung im Krankenhaus ab

Er sei nur seinem Auftrag zur homöopathischen Behandlung nachgekommen, erklärte der Beschuldigte. Die Eltern hätten außerdem eine Krankenhaus-Behandlung von vornherein abgelehnt. „Es gab keine Chance, daran etwas zu ändern“, meinte der Mediziner. Ein wesentlicher Grund für die Ablehnung einer Behandlung im Krankenhaus vonseiten der Eltern sei Angst gewesen, dass das Jugendamt Jakob zu sich nehmen würde. Ein Krankenhausaufenthalt wäre „gleichbedeutend mit der Wegnahme des Kindes“ gewesen, erklärte der 48-Jährige die Ansicht der Eltern.

Arzt sah keinen Grund für Klinikeinweisung

Der Bub soll laut Obduktionsbericht eine akute Lungenentzündung und eine teilweise Zersetzung des linken Gehörgangs aufgewiesen haben. Jakob habe zwar „wellenförmig“ an einer Bronchitis gelitten und wegen Durchfalls immer wieder mal abgenommen, schilderte der Mediziner. Dass das Kind aber gewachsen sei, habe er als positives Zeichen für eine Stabilisierung gewertet. Für ihn habe es keinen Grund gegeben, es in ein Krankenhaus einzuweisen.

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Den Verantwortlichen der Kinderklinik habe der Hausarzt als „Vertrauensperson“ versprochen, sich zu melden, sollte sich die Einstellung der Eltern bezüglich einer klinischen Behandlung ändern. Gänzlich anders lauteten hingegen die Aussagen des als Zeugen geladenen Oberarztes der Kinderklinik, Andreas Klein-Franke. Er gab an, mit dem Allgemeinmediziner ausgemacht zu haben, dass dieser die Klinik im Falle einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Buben informiere und mit den Eltern nochmals über eine für das Kind lebensnotwendige Knochenmarktransplantation spreche.

Hochfiebriges Mädchen homöopathisch behandelt

Der bekennende Homöopath muss sich heute noch wegen eines weiteren Vorfalls erklären. Dabei geht es um ein Mädchen, dass er trotz hochfiebriger Mitteloherentzündung in Absprache mit der Mutter nicht der Schulmedizin zugeführt hatte.

Nach erfolgloser Verabreichung homöopathischer Mittel hatte der Mann nach den heutigen Angaben von Richterin Gabriele Lukasser versprochen, noch einen Homöopathie-Lehrer zu konsultieren. Dieser habe damals gemeint, dass das Mädchen eben noch Zeit benötige, um die Krankheit selbst auszuheilen und man es mittels Homöopathie schon durchbringen werde. Nachdem das Fieber des Mädchens auf 41 Grad gestiegen war, wandte sich die Mutter spontan an ihren Hausarzt, welcher der Mutter massive Vorwürfe machte, warum sie erst so spät einen Mediziner konsultiert hätte. Im BKH Lienz hätte es gegenüber der Mutter geheißen, dass das Kind in diesem Fall an einer Sepsis sterben hätte können. Richterin Lukasser: „Hier ging es wohl sehr knapp zu.“

Der Osttiroler Mediziner stellte heute am Landesgricht die Aussagen der Mutter in Abrede, da er sich mit dieser seither in einem Honorarstreit befände. Staatsanwältin Erika Wander wandte ein: „Sie werden wohl nicht glauben, dass die Mutter wegen eines Honorarstreits unter Wahrheitspflicht und Strafandrohung falsch aussagt.“

Arzt hätte Überweisung veranlassen müssen

Zeugen und der renommierte Sachverständige und Kinderarzt, Kurt Widhalm, sagten nochmals zu der Tragödie um Jakob aus. Widhalm bezog sich vor allem auf das Handeln des angeklagten Mediziners. Demnach habe der Arzt die Behandlung des Kindes niemals übernehmen dürfen. Sei eine derartig komplexe Immunschwäche doch allenfalls ein Fall für eine Spezialklinik und wenigstens für die Innsbrucker Universitätsklinik.

Schon bei den kleinsten Anzeichen einer Infektion hätte der Mediziner die Überweisung des Buben veranlassen müssen. „Selbst ich hätte mich nicht getraut den Fall des kleinen Jakob alleine zu übernehmen. Da gehört schon eine Menge Mut dazu“, äußerte Widhalm in Richtung des praktischen Arztes und Alternativmediziners aus Osttirol.

In den Plädoyers betonte Staatsanwältin Erika Wander nochmals, dass weder die Eltern noch der Arzt dem Kind die lebensnotwendige Knochenmarktransplantation ermöglicht hätten: Die Eltern durch die Verweigerung dieser enorm belastendenden Therapie, der Arzt durch das Unterlassen der Aufklärung über den zuletzt lebensbedrohenden Zustand des Buben. „Der Arzt ist letztendlich dem Patienten verpflichtet. Und das ist der Bub. Allfällige Wünsche der Eltern haben hier hintanzutreten.“

Osttiroler beteuerte Menschen immer nur helfen zu wollen

Der Arzt beteuerte in seinen Abschlussworten nochmals, dass er in seinem Tun Menschen immer nur helfen wollte und dies auch in Zukunft so sein werde. Der Fall jenes Mädchens, das er im Jahr 2005 ebenso durch eine homöopathische Behandlung laut Anklage in einen lebensgefährlichen Zustand gebracht hatte, wurde hingegen heute verschoben. Die Mutter des Mädchens muss nun als Zeugin aussagen, wie es seinerzeit dazu kommen konnte, dass das Mädchen trotz tagelangem Fieber über 40 Grad nicht zum Kinderarzt gebracht wurde. Sowohl der Kinderarzt als auch das Lienzer Bezirkskrankenhaus schüttelten damals über die Vorgangsweise den Kopf und stellten fest, dass das Mädchen in akuter Lebensgefahr gewesen sei. Mit einem Urteil zum Todesfall Jakob ist in den Abendstunden zu rechnen. (tt.com, APA)


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