„Wir sind unschuldig!“ Amanda Knox kämpft um ihre Freiheit

Am Montagvormittag wandten sich Amanda Knox und Raffaele Sollecito an die Geschworenen und Richter. Das Urteil wird noch am Abend fallen.

Perugia – Das letzte Wort haben die Angeklagten: Amanda Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito werden sich am Montagvormittag vor dem Gericht in Perugia äußern. Laut CNN hat die 24-Jährige sieben Monate an ihrer Ansprache gearbeitet.

„Wäre ich dort gewesen, wäre ich jetzt auch tot“

Kurz nach 10 Uhr ergriff Raffaele Sollecito das Wort. Mit leiser Stimme erklärte der Italiener, dass er niemals in seinem Leben jemanden verletzt habe. Während er spricht, beginnen Mitglieder aus der Knox-Familie zu weinen, berichtet ABC-Producer Nikki Battiste im Blog auf abcnews.com. Er beschreibt die letzten vier Jahre seines Lebens als „wahrgewordenen Alptraum“. Immer wieder blickt der 27-jährige auf seine Notizen. Er spricht langsam, ab und zu stockt seine Stimme. er entschuldigt sich für seine Nervosität. Nach knapp einer viertel Stunde beendet er sein Schlusswort.

„Ich bezahle mit meinem Leben für etwas, das ich nicht getan habe“, beginnt Amanda Knox um 10.30 Uhr mit ihrer Aussage in Italienisch. „Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt, ich habe nicht gestohlen. Ich bin nicht da gewesen.“ Wäre sie in dieser Nacht in der Wohnung gewesen, wäre sie nun auch nicht mehr am Leben, fährt sie fort. Immer wieder ringt die 24-Jährige um Fassung, spricht stockend mit tränenerstickter Stimme. „Meredith wurde getötet und ich wollte immer Gerechtigkeit für sie. Ich bestehe auf die Wahrheit. Ich will nach Hause. Ich bin unschuldig, Raffaele ist unschuldig.“ Ihre letzten Worte: „Wir verdienen Freiheit.“

Nun liegt das Schicksal der beiden in den Händen der sechs Geschworenen und zwei Richter. Sie haben sich zur Beratung zurückgezogen. Das Urteil wird laut des vorsitzenden Richters nicht vor 20 Uhr bekannt werden.

„Ich bin voller Hoffnung, dass wir Amanda mit nach Hause nehmen können“, sagte ihr Vater Curt Knox gegenüber ABC News am Freitag. Vergangene Woche ging der Berufungsprozess mit sehr emotionalen Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft zu Ende. Am Montag war auch die Familie von Meredith Kercher im Gericht anwesend.

Zweifel an den DNA-Spuren

2009 waren die damals 20-jährige US-Amerikanerin, die in der Presse auch der „Engel mit den Eisaugen“ genannt wird, und ihr italienischer Freund zu 25 beziehungsweise 26 Jahren Haft unter anderem wegen Mordes, Vergewaltigung und Waffenbesitzes verurteilt worden. Die beiden sollen Meredith Kercher, die Mitbewohnerin von Amanda Knox, am 2. November 2007 vergewaltigt und ermordet haben. Die Leiche der 21-Jährigen war halbnackt, von zig Messerstichen übersät und mit durchschnittener Kehle in der Wohnung in Perugia aufgefunden worden.

Die Verteidigung argumentierte im laufenden Verfahren, dass die beiden DNA-Spuren, die mit Ausschlaggebend für die Verurteilung waren, verunreinigt worden seien. „Der einzige Beweis der Anklage, der Raffaele mit der Tat verbindet, hätte von Anfang an nicht benutzt werden dürfen“, erklärte Sollecitos Anwältin noch am Vormittag. o seien undeutliche DNA-Spuren auf einem Büstenhalter des Opfers sichergestellt worden, der erst 46 Tage nach der Tat überhaupt gefunden worden sei. Auch die auf dem mutmaßlichen Mordmesser festgestellten DNA-Spuren Amandas seien offensichtlich verunreinigt, wie Rechtsmediziner festhielten. Man könne „mehrere genetische Profile“ darin erkennen.

Die Staatsanwaltschaft, die für beide Angeklagten lebenslange Haft fordert, wies diese Argumente zurück. Vertreter der Polizei verteidigten in dem Berufungsverfahren, das sich nunmehr fast elf Monate hinzieht, die Spurensicherung.

Drei mögliche Ausgänge der Verhandlung

Drei Varianten für ein Urteil sind möglich. Amanda Knox und Raffaele Sollecito könnten am Montag von allen Vorwürfen frei gesprochen werden. Sie würden binnen Stunden aus dem Gefängnis entlassen. Nach der Urteilsverkündung würde das Paar in die Haftanstalt zurückkehren, ihre Sachen abholen und könnten dann nach Hause. Amanda Knox könnte Italien sofort verlassen.

Auch ein Teilfreispruch wäre möglich. Dies würde bedeuten, dass die Haftstrafe reduziert wird. Schließlich könnte das Gericht aber auch den Schuldspruch in allen Anklagepunkten bestätigen - und die Strafe auf lebenslänglich erhöhen.

Egal, wie es ausgeht: Der Fall wird wohl noch kein Ende nehmen. Denn es ist zu erwarten, dass die unterlegene Partei Berufung beim italienischen Höchstgericht einreichen wird. Dafür müsste Knox nicht anwesend sein. (smo)


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