„Waldmensch“ wegen versuchten Mordes in Graz vor Gericht

Der 49-Jährige legte zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis ab, gab sich aber betont gleichgültig. Der psychiatrische Gutachter bescheinigte dem Angeklagten Zurechnungsfähigkeit, sprach aber auch von einer „ausgeprägten persönlichkeitsstörung“.

(Symbolfoto)
© TT / Thomas Böhm

Graz – Wegen versuchten Mordes ist am Dienstag der sogenannte Waldmensch in Graz vor Gericht gestanden. Dem Niederösterreicher wurde vorgeworfen, im November vergangenen Jahres in einem Grazer Laufhaus eine Prostituierte gewürgt und durch einen Messerstich in den Hals beinahe getötet zu haben. Der Staatsanwalt erklärte, der Beschuldigte wollte die Frau töten, weil sie ihn nicht mehr sehen wollte, während der Verteidiger lediglich von schwerer Körperverletzung sprach.

Bleich und mitgenommen erschien der Angeklagte im Gerichtssaal. Richter Stefan Koller konfrontierte ihn zunächst mit seinen bisherigen Taten. Unter den elf Vorstrafen gab es auch einen Vorfall, bei dem er ebenfalls eine Frau schwer verletzt hatte, weil sie die Trennung wollte. Zu der Bluttat an der Prostituierten meinte er: „Das ist passiert.“ Das Messer stammte aus der Justizanstalt: „Ich hab‘ drei gehabt, zum Fliesenlegen.“

Die bulgarische Prostituierte hatte er während seiner Freigänge immer wieder besucht und ihr auch Kleidung und Schmuck gekauft. Bezahlen musste er sie trotzdem, auch wenn sich aus seiner Sicht bei den rund 25 Besuchen eine Liebesbeziehung entwickelt hat, so Staatsanwalt Oliver Krenn. „Sie hatte keine Gefühle für ihn, er war einfach ein guter Kunde.“ Als es der Frau zu viel wurde und sie ihm das bei einem weiteren seiner Besuche im Laufhaus sagte, rastete der Angeklagte aus. Er schlug ihr mit einem Bügeleisen auf den Kopf, würgte sie und stach ihr schließlich mit einem Cuttermesser heftig in den Hals. Dabei erlitt die Bulgarin lebensgefährliche Verletzungen, sie überlebte nur knapp.

Bei der Verhandlung bestritt der Angeklagte plötzlich alles, was er bis dahin über die Frau und die Beziehung gesagt hatte. Keine Rede mehr davon, dass er mit ihr ein neues Leben beginnen wollte. Es sei eine reine Geschäftsbeziehung gewesen, und er sei auch immer wieder zu anderen Prostituierten gegangen, schilderte er. Dass es einen Streit gegeben hat, leugnete er aber nicht. „Waren Sie verliebt in sie?“ „Nein, wir haben uns das vorher schon ausgemacht, sie hat ein Cabrio gehabt, das war was anderes als mit anderen“, meinte er.

„Heute kann ich lachen darüber“, fuhr er fort. „Sie finden das alles zum Lachen?“, so der Richter. „Ja, sie dreht alles um, alle haben ihren Spaß und ich werde verurteilt“, ereiferte sich der Angeklagte. Von Verliebheit, wie er es bei der Einvernahme immer angegeben hatte, wollte er nichts mehr wissen. „Das ist Schwachsinn, wenn ich 30 andere auch habe.“

Der Angeklagte gab sich bei seiner gesamten Einvernahme betont gleichgültig. „Es ist scheißegal, was ich sage“, erklärter er mehrmals. Er habe die Frau mit dem Messer nicht bewusst verletzen wollen: „Ich habe einfach hingestochen“, erklärte er. Dass er den Hals getroffen habe, sei reiner Zufall gewesen. Empfunden habe er nach seinen Angaben für das Opfer nichts. Der psychiatrische Gutachter bescheinigte ihm Zurechnungsfähigkeit, sprach aber von einer „ausgeprägten kombinierten Persönlichkeitsstörung“.

Der Angeklagte schilderte, dass er die Prostituierte nur gewürgt habe, „weil sie geschrien hat“. Zuvor habe er sie geschlagen, konnte aber nicht mehr sagen, warum. Doch sie hörte nicht auf zu schreien, also wickelte er ihr das Kabel eines Bügeleisens um den Hals und zog zu. „Sei still, ich geh‘ eh schon“, will er dabei zu ihr gesagt haben. „Dann habe ich meine Jacke genommen, und da war das Messer drin“, erzählte er weiter. Er habe „einfach hingestochen“, so der 49-Jährige.

Über das Motiv wollte der Angeklagte nicht reden, er wurde immer aggressiver und ausfälliger, je länger der Richter danach fragte. „Was haben Sie für die Frau empfunden?“, wollte der Richter wissen. „Gar nichts. Das war nur ein Ausrutscher“, meinte er. Weitere Angaben dazu wollte er nicht so gern machen. „Es ist scheißegal, was ich sage, es ist eh schon alles klar.“ Als sein Verteidiger wissen wollte, was er zum Tatzeitpunkt gefühlt habe, gab er sich ebenfalls zugeknöpft. „Das ist aber der Unterschied zwischen schwerer Körperverletzung und Mordversuch“, versuchte ihm der Anwalt zu erklären. „Scheiß auf die Körperverletzung“, war alles, was der Beschuldigte dazu sagte.

Der psychiatrische Gutachter Martin Walzl nahm auf dieses Verhalten Bezug: „Sie haben erlebt, wie latent aggressiv, bagatellisierend und beschönigend er ist.“ Weiters sprach der Sachverständige davon, dass sich der Beschuldigte in der Rolle des Opfers wohl fühle und grundsätzlich die Schuld bei anderen suche. Da der Psychiater den Angeklagten auch weiterhin für gefährlich hielt, empfahl er eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Jene Bulgarin, die der „Waldmensch“ mit seinem Messer schwer verletzt hatte, brach bei ihrer Befragung beim Prozess immer wieder in Tränen aus. Sie gab an, der Angeklagte sei „ein guter Kunde“ gewesen, mehr aber nicht, zumindest nicht für sie. Andererseits soll der 49-Jährige ihr oft gesagt haben, „dass er mich liebt“. Die Frau leidet immer noch unter den Nachwirkungen der Messerattacke, sie befindet sich in Psychotherapie.

Die Zeugin wollte erst den Schwurgerichtssaal betreten, nachdem der Beschuldigte abgeführt worden ist. Trotzdem brach sie sofort in Tränen aus „weil ich ihn gesehen habe“. Sie schilderte, dass sie bis vor kurzem Teile ihrer Hand nicht gespürt habe, den Kopf nicht nach rechts drehen könne und immer noch Schlafstörungen habe. Mittlerweile ist sie nicht mehr als Prostituierte tätig.

„Er war ein guter Kunde“, schilderte sie, und „er hat oft gesagt, dass er mich liebt“. Doch weil er immer wieder „Probleme machte“, wollte sie ihn nicht mehr sehen. Als sie ihn beim letzten Treffen zum Gehen aufforderte, bekam sie einen Schlag ins Gesicht. „Ich habe um Hilfe geschrien“, erzählte sie. Doch dann würgte sie der Angeklagte mit dem Bügeleisenkabel, vom weiteren Geschehen wusste sie nicht mehr viel. An den Messerstich in ihren Hals hat sie keine Erinnerung, erst wieder an die Kollegin, die die Hand auf die Wunde drückte und ihr in diesem Moment wie ein „blonder Engel“ vorgekommen sei, so die Befragte. (APA)


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