„Biophilia“: Björk lässt Teslaspulen singen und Pendel schwingen

Die neue Platte der isländischen Sängerin bietet neben zehn neuen Songs auch interaktive Apps für mobile Endgeräte.

Von Christoph Griessner/APA

Wien - An Ambition hat es der isländischen Popsängerin Björk noch nie gefehlt: Aufwendig gestaltete Konzerttouren, extravagante Visualisierung ihrer Musik mit viel Liebe zum Detail oder experimentelle Projekte wie das Vokalalbum „Medulla“ bezeugen den Innovationswillen der 45-jährigen Popfee, die im Laufe ihrer Karriere unterschiedlichste Genres, Kunstrichtungen und Ausdrucksformen bediente.

Für ihr neues Studioalbum „Biophilia“ (Universal) geht sie wie gewohnt einen Schritt weiter: Natur, Technik und Musik sollen Eins werden - zumindest in der Theorie.

Entfaltung eines kleines Universums

So wird die am Freitag erscheinende Platte von interaktiven Applikationen für iPhone und iPad begleitet, von denen einige schon seit den Sommermonaten auf iTunes und im Internet kursieren. In der Einführung spricht der britische Naturfilmer David Attenborough zu für Björk typischen atmosphärischen Sounds, während sich in simpler, aber schön anzusehender Animation ein kleines Universum entfaltet.

„Mit ‚Biophilia‘ können Sie erfahren, wie diese drei Dinge sich zusammenfügen: Musik, Natur, Technologie“, erfährt man dabei und wird selbst zum „Durchgang zwischen dem Universalen und dem Mikroskopischen“. So weit, so interessant.

Mischung zwischen bloßer Visualisierung und interaktivem Spiel

Die digitale Umsetzung der neuen Songs, von denen etwa das gegen Ende hin stark im Drum‘n‘Bass wandelnde „Crystalline“ oder das lunare Schlaflied „Moon“ bereits als Singles veröffentlicht wurden, präsentiert sich als Mischung zwischen bloßer Visualisierung und interaktivem Spiel.

„Ich wollte zum Kern gelangen und ein Musikprogramm schreiben, mit dem wir auch Songs machen können“, erklärt Björk im Interview mit dem Onlinemagazin „Pitchfork“.

Dass die Notationsweise mittels farbigen Blöcken und hüpfenden Diagrammen von der Sängerin und ihrem musikalischen Direktor Damian Taylor auch tatsächlich verwendet wurde, scheint ob der bruchstückhaften Atmosphäre einzelner Lieder nachvollziehbar.

Schwelende Klangdichte und weitläufiger Raum

Und dennoch: Die Songs von „Biophilia“ erzeugen ein eindringliches Gefüge aus schwelender Klangdichte und weitläufigem Raum. Vor allem aber sollten sie nicht nur auf ihre Apps reduziert werden. „Virus“ besticht auch ohne das begleitende Spiel, bei dem Viren einen Zellkern attackieren, durch erstaunliche Zugänglichkeit und eine Melodie, die trotz eines Instruments wie des Gameleste - einer Mischung aus Gamelan und der Celesta - zu keiner Zeit steril oder kalt wirkt.

Viel eher wird es wie auch „Thunderbolt“ oder „Cosmogony“ von einer ruhigen, beinahe etherischen Grundstimmung dominiert. Galaktische Kammermusik, die von Teslaspulen oder mannshohen Pendeln, die Harfensaiten zum Klingen bringen, erzeugt wird.

Mehr „Blut, Muskeln und Sauerstoff“ für die Lieder

Zum Einsatz kommen diese im Booklet angeführten Ungetüme bei den Liveautritten, wie etwa den ersten Konzerten einer geplanten Welttournee in Manchester vor einigen Wochen. Danach veränderte die Perfektionistin sogar noch einige Songs für das letztendliche Album, wollte sie doch mehr „Blut, Muskeln und Sauerstoff“ für die Lieder, wie sie auf ihrer ebenfalls dem neuen Design angepassten Homepage schreibt. Zu spüren sind die Muskeln allerdings nur selten, wenn etwa in „Mutual Core“ oder „Sacrifice“ besinnliche Momente von schnelleren Tempi oder harten Beats konterkariert werden.

Dafür sind es die Details, die musikalisch den Unterschied ausmachen: Verquere Rhythmen, plötzlich auftauchende Naturgeräusche sowie etliche Choreinsätze. Eine Musikübung mit wissenschaftlichem Eifer, wie gemacht für Kopfhörer.

„Im Alter von 18 waren Wissenschaft, Physik und Mathematik meine Favoriten. Ich war ein Sonderling - das einzige Mädchen mit vielen Buben bei Schachmeisterschaften. Das gibt es oft bei Musikern, weil sich die Algorithmen ähnlich sind“, verrät Björk angesichts des hochtrabenden Grundkonzepts gegenüber „Pitchfork“.

Solide Songs

Als gekonnte Schachspielerin dürfte man Björk auch heute noch bezeichnen, stellt „Biophilia“ mit all seinen Applikationen, Internet-Geheimnissen und bewusst platzierten Warteperioden doch eine mustergültige Veröffentlichungsstrategie im neuen Popzeitalter dar.

Der qualitative Anspruch gerät dabei fasst etwas ins Hintertreffen, was angesichts der soliden, aber keineswegs bahnbrechenden Songs zum Grübeln anregt. Letztlich bleibt nur die Frage, was nun interessanter erscheint und sehnsüchtiger erwartet wurde: Ein trotz allem gutes Album einer großartigen Popkünstlerin oder doch das Ei des Kolumbus für die dahinröchelnde Musikindustrie?(APA)


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