Friedensnobelpreis: EU könnte Arabischen Frühling ausstechen

Um 11 Uhr wird heute der diesjährige Preisträger bekannt gegeben. Die EU und der deutsche Altkanzler Helmut Kohl rückten wieder an die Spitze der Anwärterliste.

Oslo – Der Arabische Frühling drängt sich heuer förmlich für den Friedensnobelpreis auf, doch könnten seine Protagonisten leer ausgehen. Nobelkomitee-Vorsitzender Thorbjörn Jagland hat in einem Zeitungsinterview ausgeschlossen, dass die Auszeichnung an einen der kolportierten Favoriten aus dem arabischen Raum gehen wird. Zugleich nährte der jetzige Generalsekretär der EU-Schwesterorganisation Europarat Spekulationen, dass sich sein langjähriger Wunsch nach einer Ehrung der EU erfüllen könnte.

„Offensichtlicher“ Preisträger

Laut Jagland ist es „offensichtlich“, wer heuer den Friedensnobelpreis bekommen werde. Daher sei er erstaunt, dass die Experten den Namen noch nicht aufgeschnappt hätten. „Wenn man die wirklich internationalen Medien verfolgt, liegt die Sache doch klar auf der Hand“, sagte er im NTB-Interview. Experten werteten dies als Anspielung auf die Finanz- und Schuldenkrise, die sich zu einem Überlebenskampf für den Euro ausgewachsen hat.

Das Nobelpreiskomitee könnte vor diesem Hintergrund bewusst ein Zeichen zur Unterstützung des europäischen Einigungsprozesses setzen. „Es ist ja bekannt, dass Jagland vor seiner Zeit im Komitee immer wieder öffentlich den Friedensnobelpreis für die EU verlangt hat“, sagte der erfahrende Friedensnobelpreis-Augure Kristian Berg Harpviken vom Osloer Friedensforschungsinstitut PRIO der Nachrichtenagentur dpa.

„Ich glaube, der diesjährige Preis wird sehr wichtig. Für mich persönlich wird es eine große Ehre sein, den Gewinner bekanntzugeben“, sagte der sozialdemokratische Politiker der Nachrichtenagentur NTB. Der Preisträger sei „mit etwas verbunden, dass für mich persönlich das ganze Leben bedeutend war“, fügte er in einem Gespräch mit der Osloer Zeitung „VG“ hinzu. Jagland, der von 1996 bis 1997 norwegischer Regierungschef war, setzt sich seit Jahren für einen EU-Beitritt Norwegens ein, den seine Landsleute 1972 und 1994 in Volksabstimmungen ablehnten.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Kohl seit Anfang der 90er immer wieder nomminiert

Untrennbar mit dem europäischen Einigungsprozess verbunden ist auch der Name des deutschen Ex-Kanzlers Helmut Kohl, der angeblich schon seit zwei Jahrzehnten vergeblich auf einen Anruf aus Oslo wartet. Seit Anfang der 1990er Jahre sei Kohl immer wieder nominiert worden, berichten deutsche Medien. Als Kanzler der deutschen Einheit und Architekt der Währungsunion personifiziert Kohl die Erfolge des europäischen Einigungsprozesses, versinnbildlicht aber gleichzeitig auch, wie weit diese schon zurückliegen.

Gerade sein Schicksal als Dauerkandidat lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass Kohl heuer zum Preisträger gekürt wird. „Das Komitee hätte ihm sicher schon in den 1990er Jahren den Preis gegeben, wenn sie der Meinung gewesen wären, dass er ihn verdient“, kommentierte die Londoner Zeitung „The Guardian“ am Donnerstag. Gegen den Politpensionisten Kohl spricht auch, dass der Stifter Alfred Nobel mit seinen Auszeichnungen ausdrücklich Leistungen in dem Jahr, das der Preisverleihung vorangeht, gewürdigt sehen wollte.

Barroso aussichtsreicherer Kandidat

Aussichtsreicher sind da schon jetzige EU-Führungsfiguren wie Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso. Dieser war schon im Jahr 2008 für den Friedensnobelpreis nominiert gewesen. Auch eine Ehrung der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihres scheidenden Präsidenten Jean-Claude Trichet, der heuer den Aachener Karlspreis für seine Bemühungen zur Stabilisierung des Euro erhalten hat, scheint möglich. Vorausgesetzt, die Genannten wurden auch tatsächlich beim Osloer Nobelkomitee nominiert. Heuer wurden die Rekordzahl von 188 Personen und 53 Organisationen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, nur ein Bruchteil davon sind bekanntgeworden.

Eine Ehrung für die bedrängte EU würde jedenfalls gut zum Trend der Nobelpreisvergaben unter dem seit 2009 amtierenden Komitee-Vorsitzenden Jagland passen. Beide Entscheidungen waren nämlich eher „weltverbessernd“ als Verdienste würdigend. Die Ehrung des frischgebackenen US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2009 zielte darauf ab, die neue US-Regierung nach der kriegerischen Bush-Ära auf eine friedliebende Politik einzuschwören. Und der Friedensnobelpreis für den Bürgerrechtler Liu Xiaobo im Vorjahr war vor allem ein Zeichen an Peking, es mit den Menschenrechten ernster zu nehmen. Heuer könnte das Nobelkomitee also der kriselnden EU unter die Arme greifen. (APA)


Kommentieren


Schlagworte