Eine tickende Zeitbombe im Südseeparadies

Das am Mittwoch havarierte Containerschiff „Rena“ droht vor der neuseeländischen Küste auseinanderzubrechen.

Von David Barber und Jörg Vogelsänger

Wellington – Weiße Badestrände, reiche Fischgründe, unberührte Natur: Die Bay of Plenty (Bucht des Reichtums) an der Nordostküste Neuseelands heißt nicht umsonst so. Den Namen erhielt sie vom legendären Captain James Cook, der 1769 hier von den Maori mit Süßwasser und Lebensmitteln versorgt wurde. Doch dieses Paradies ist bedroht: Wie eine tickende Zeitbombe sitzt das Containerschiff „Rena“ an einem Riff rund 20 Kilometer vor der Küste fest und speit giftiges Schweröl in den Pazifik. Bis zu 30 Tonnen sind es inzwischen, wie die Bergungsteams am Sonntag mitteilten.

Die 110.000 Einwohner von Tauranga, der größten Stadt in der Gegend, halten den Atem an. Ihre große Furcht ist, dass der 32 Jahre alte Frachter aus Liberia auseinanderbricht und die rund 1.500 Tonnen Schweröl aus seinen Tanks ins Meer strömen. Die Behörden bereiten die Menschen schon seit Tagen auf das Schlimmste vor, die Rede ist von der möglicherweise größten Umweltkatastrophe seit Jahrzehnten. Und auch am Sonntag betonte Verkehrsminister Steven Joyce: „Es ist unmöglich zu vermeiden, dass bereits ausgelaufenes Öl die Küste erreicht.“ Bergungsexperten bemühen sich rund um die Uhr, eine große schwarze Flut zu vermeiden, das Öl soll aus den Tanks gepumpt werden.

Lokale Wirtschaft vom Meer abhängig

„Die Havarie ist in jeder Hinsicht eine große Gefahr“, sagte Bürgermeister Stuart Crosby. Schließlich hängt die lokale Wirtschaft von Meer und Natur ab. Die Bucht mit ihrem subtropischen Klima ist das ganze Jahr ein beliebtes Touristenziel: Segeln, Tauchen, Hochseefischen oder einfach nur zur Erholung, dafür kommen die Menschen. Jeder Fünfte ist über 60, denn für viele ist die Gegend der ideale Altersruhesitz. Im bevorstehenden Sommer werden 82 Kreuzfahrtschiffe erwartet. Der Hafen der selbst ernannten „Kiwi-Hauptstadt“ ist gemessen am Frachtvolumen der größte des Landes.

Crosby weiß: „Eine Lösung wird es nicht in Tagen und auch nicht in Wochen geben.“ Selbst wenn die „Rena“ nicht auseinanderbricht, wird es vermutlich Monate dauern, bis das 236 Meter lange Schiff flottgemacht wird und das Riff verlassen kann.

Das Unglück hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt geschehen können, meint Graeme Butler, der seit 25 Jahren mit seinem Boot Touristen zur Beobachtung von Delfinen und Walen auf‘s Meer hinausfährt. Gruppen von bis zu 500 Walen kämen zu dieser Jahreszeit üblicherweise mit ihren Jungen in die Bucht. An dem Riff, wo der Frachter festsitzt, seien oft Seehunde zu sehen. In der Gegend leben auch Zwergpinguine. „Die Auswirkungen werden wir noch in Jahren spüren.“ Mehrere ölverklebte Vögel sind bereits verendet.

Frage nach Unglücksursache bisher ungeklärt

Experten wie Einheimische fragen sich indes, wie der Frachter überhaupt mit dem Riff kollidieren konnte: Es ist nur 80 Meter breit, meistens auch gut sichtbar - und seit 1827 in den Seekarten verzeichnet, wie örtliche Medien festhielten. Das Unglück geschah am Mittwoch um 2.20 Uhr in der Nacht, und so wird spekuliert, Übermüdung der Besatzung könnte im Spiel gewesen sein. Die 23-köpfige Crew wird derzeit befragt.

„Ich konnte es nicht glauben. Es ist so, als würde man mitten im Hafen gegen eine Kaffeetasse fahren. Selbst wenn man gezielt das Riff treffen wollte, müsste man zehnmal Anlauf nehmen - und würde es immer noch verfehlen“, sagte Skipper Darryl Herbert dem „New Zealand Herald“. Ein Kollege pflichtete ihm bei: „Mit den heutigen Satelliten-Navigationsgeräten und 23 Besatzungsmitgliedern an Bord gibt es keine Ausreden. Zwei Leute sollten ständig auf der Brücke sein und Ausschau halten.“

David Barber und Jörg Vogelsänger sind Korrespondenten der dpa.


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