„Zu hoher Preis“: Streit in Israel über Freilassung von Terroristen

Unter den 1027 palästinensischen Häftlingen, die freigelassen werden sollen, waren einige für Anschläge mit vielen Toten verantwortlich. Insbesondere Familienangehörige der Opfer können das Tauschgeschäft nicht begreifen.

Von Sara Lemel

Tel Aviv – Tal Kehrmann war erst 17, als sie vor acht Jahren bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag starb. Der Attentäter sprengte sich in dem Bus in die Luft, in dem sie saß - 16 weitere Menschen kamen bei dem Anschlag in der israelischen Hafenstadt Haifa ums Leben. Tals deutschstämmiger Vater ist vehement gegen den Gefangenenaustausch mit der radikalislamischen Hamas, bei dem am Dienstag der israelische Soldat Gilad Shalit freikommen soll.

Für ihn ist es unfassbar, dass auch die Drahtzieher der blutigen Tat am Dienstag freigelassen werden sollen. „Das Gefühl ist sehr schlimm, fast wie am Tag des Anschlags“, sagte Ron Kehrmann am Sonntag. Es sei, als habe man ihm „ein Messer ins Herz gerammt“.

„Mit welcher Leichtigkeit sie Hunderte Mörder entlassen, für nichts und wieder nichts“, klagte Kehrmann, der auch die deutsche Staatsangehörigkeit hat. „Es ja ist nicht so, als würden wir ein Friedensabkommen unterzeichnen.“ Kehrmanns Vater war aus Mannheim nach Israel eingewandert und auch Tal hatte einen deutschen Pass.

„Dürfen keinen so hohen Preis zahlen“

Mosche Goldstein, der seine damals 21-jährige Tochter Sari 2002 bei einem ähnlichen Busanschlag verlor, stimmt Kehrmann bei. „Wir dürfen keinen so hohen Preis zahlen - tausend Terroristen gegen einen Soldaten!“, sagte er der dpa. „Für einen Soldaten kann man einen Terroristen freilassen, aber nicht mehr.“ Wer seinen Sohn zur Armee schicke, müsse schließlich damit rechnen, „dass er in Gefangenschaft gerät oder getötet wird“.

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Shalits Eltern sollen ihn am Dienstag fast fünfeinhalb Jahre nach seiner Entführung in den Gazastreifen wieder in die Arme schließen können. Bei aller persönlichen Trauer freut Sari Goldsteins Mutter sich darüber, anders als ihr Mann. „Was ich nicht haben durfte, soll zumindest eine andere Mutter bekommen“, sagte sie. „Wir können Gilad nicht einfach im Stich lassen. Alle Mittel sind billig, ihn nach Hause zu holen.“

Israel zahlt für Shalits Freiheit in der Tat einen hohen Preis: 1027 Palästinenser sollen insgesamt freikommen, darunter zahlreiche Attentäter und Drahtzieher blutiger Anschläge auf Israelis. Damit lässt der jüdische Staat etwa ein Fünftel aller Palästinenser frei, die im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt verurteilt wurden.

Klage vor Höchstgericht

Doch dieser dramatische Schritt ist in Israel höchst umstritten, es tobt eine heftige Debatte über die Rechtmäßigkeit des Handels mit Terroristen. Das stärkste Argument der Gegner ist die Sorge, dass die Freizulassenden neue Anschläge planen oder verüben könnten.

Die Organisation Almagor, die israelische Terroropfer vertritt, hat vor dem Höchsten Gericht in Jerusalem gegen den umstrittenen Gefangenenaustausch geklagt. Das Gericht will sich am Montag mit der Klage befassen, der jedoch nur wenig Chancen eingeräumt werden.

„Wir müssen die nächste Terrorwelle stoppen“, heißt es auf der hebräischen Webseite von Almagor. Tauschhandel wie der für Shalits Freilassung hätten seit dem Jahre 2000 insgesamt 180 Menschen das Leben gekostet.

Verweis auf „Jibril-Handel“

Die Organisation wurde als Reaktion auf den „Jibril-Handel“ aus dem Jahre 1985 gegründet. Damals waren 1150 Sicherheitshäftlinge freigekommen - im Gegenzug für drei israelische Soldaten, die während des Libanon-Kriegs von 1982 in Gefangenschaft geraten waren.

Von 238 ins Westjordanland zurückgekehrten Palästinensern seien 48 Prozent „zum Terrorismus zurückgekehrt“ und wieder von den israelischen Sicherheitskräften festgenommen worden, so Almagor. Viele von ihnen seien Führer des ersten Palästinenseraufstands Intifada geworden.

Ungeachtet aller Vorbehalte hat sich der Chef des Geheimdienstes Mossad, Tamir Pardo, aber eindeutig für den neuen Handel ausgesprochen. „Israel ist stark genug, um 1000 Häftlinge freizulassen“, sagte er der israelischen Zeitung „Yediot Achronot“. (Von Sara Lemel/dpa)


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