Die Opfer des Drogenkrieges in Mexiko: Vergessen und verlassen

Präsident Felipe Calderon schuf Anfang Oktober die neue „Soziale Staatsanwaltschaft zur Behandlung von Opfern des Verbrechens“.

Mexiko – Viele Tausende von Mexikanern sind von der Gewalt des Drogenkrieges betroffen. Sie verloren Familienmitglieder, die entweder getötet oder entführt wurden und seither verschollen sind. Viele Menschen gerieten zur falschen Zeit am falschen Ort in eine Schießerei zwischen Drogenkartellen und Sicherheitskräften. Selbst wenn sie nicht verletzt wurden, ist es doch für viele zu einem traumatischen Erlebnis geworden, das ihr Leben schwer beeinträchtigt.

Deshalb schuf der mexikanische Präsident Felipe Calderon Anfang Oktober die neue „Soziale Staatsanwaltschaft zur Behandlung von Opfern des Verbrechens“ (Pro-Victima). Innerhalb weniger Tage erhielt die Institution ein Gebäude in der mexikanischen Hauptstadt, eine Chefin und eine Hotline. Bei der medienwirksamen Eröffnung Anfang Oktober kündigte der Präsident an, die Institution solle „medizinische, psychologische und soziale Soforthilfe“ leisten.

Eine gigantische Aufgabe für eine Behörde angesichts der Tatsache, dass allein im Bundesstaat Nuevo Leon mit der Hauptstadt Monterrey 3.000 Gewaltopfer in post-traumatischer Behandlung sind - und zwar allein in staatlichen Institutionen. Für die meisten Opfer dürfte derartige Hilfe unerreichbar bleiben. Die Betroffenen fühlen sich nicht nur vernachlässigt, oft werden sie sogar diskriminiert. Dass derzeit selbst in Härtefällen die Hilfe unzulänglich ist, schilderte der 27-jährige Edgar Avena in der Tageszeitung „El Universal“.

Er war in Culiacan, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa in die Schusslinie des von einem „Narco“ abgefeuerten Schnellfeuergewehres geraten. Zwar warf er sich schutzsuchend hinter ein Auto, doch traf es ihn am linken Bein. Was dann folgte, wurde zum bürokratischen Alptraum für den jungen Familienvater.

Das Krankenhaus, in das er gebracht wurde, verfügte nicht über die Mittel, ihn zu operieren. Der einzige Arzt, der dazu in der Lage gewesen wäre, war gerade im Urlaub. Deshalb bezahlte die Familie einen privaten Gefäßspezialisten, dem das staatliche Krankenhaus großzügig den Operationssaal zur Verfügung stellte. „Als sie mich stabilisiert hatten, brachten sie mich in ein anderes Krankenhaus“, berichtete Avena. „Doch die Infektion ging nicht zurück, und sie amputierten das Bein oberhalb des Knies.“

Wie er mit nur einem Bein weiterleben sollte, musste er sich selbst beibringen. „In Mexiko gibt es keine Stelle, die Amputierten hilft“, berichtete Avena weiter. Er holte sich aus dem Internet die notwendigen Informationen. „Ich las und betete viel. Den Phantomschmerz habe ich inzwischen überwunden.“

Auch Jorge Sandoval ist ein Opfer. Der elfjährige Bub aus dem Bundesstaat Michoacan fand im Hof eines Freundes eine grüne Kugel, mit der er herumhantierte. „Ich fand sie im Gras. Sie war grün und sie gefiel mir“, sagte Jorge der Reporterin Elly Castillo. „Dann wollte ich sie am Boden reiben, um den Draht zu entfernen, und sie explodierte.“

Die Handgranate zerfetzte die rechte Hand des Burschen und fügte ihm weitere Verletzungen am Bein zu. Wahrscheinlich werde er auch ein Auge verlieren, befürchteten die Ärzte.

Mitte Oktober empfing Calderon ein weiteres Mal die Mitglieder der Friedensbewegung des Dichters Javier Sicilia. Sie kritisierten erneut scharf die Sicherheitspolitik der Regierung beim Kampf gegen die Kriminalität und prangerten anhaltende Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitskräfte, Korruption, Straflosigkeit und die anhaltende Vernachlässigung der Opfer an.

„Ich habe keine nachtragenden Gefühle“, zieht Avena Bilanz seines Unglücks. „Ich möchte Präsident Calderon nur sagen, dass der Angriff auf die Kriminalität kein unsinniger Plan ist, und ich hoffe, dass er funktioniert. Aber er muss auch den Betroffenen helfen.“ (dpa)


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