Saudischer Winter statt Arabischer Frühling

Der neue Thronfolger Saudi-Arabiens hält westliche Einflüsse für schädlich und die Demokratie für überflüssig.

Riad – König Abdullah (87) hat seinen Halbbruder, Prinz Nayef bin Abdulaziz al-Saud (78), zum Kronprinzen ernannt. Das überrascht in Saudi-Arabien niemanden, denn Prinz Nayef ist schon seit Jahren faktisch der zweitmächtigste Mann im Staat. Doch unumstritten ist der Prinz, der seit 36 Jahren das Innenministerium leitet, nicht.

Denn im Gegensatz zu König Abdullah, der sich stets um Ausgleich und Harmonie bemüht, ist Prinz Nayef ein Mann, der spaltet. Die erzkonservativen islamischen Geistlichen und die Religionspolizei schätzen ihn sehr. Feministinnen, schiitische Aktivisten, liberale Saudis und Menschenrechtler mögen ihn dagegen überhaupt nicht.

„Tausend Glückwünsche für den Löwen des Innenministeriums, den Siegreichen des sunnitischen Islams“, kommentiert ein Mann im Internet-Diskussionsforum einer saudischen Online-Zeitung die Ernennung von Nayef zum Kronprinzen. „Lang lebe der König!“, erhofft sich dagegen eine saudische Journalistin, die sich für die Aufhebung des Frauenfahrverbotes in ihrer Heimat einsetzt. Der bekannte Menschenrechtler Walid Abu al-Kheir verbindet seine öffentlichen Glückwünsche mit der Bitte, alle Gefangenen freizulassen, die wegen ihrer politischen Meinung in Haft sitzen.

Als Innenminister ist Prinz Nayef auch für das harte Durchgreifen der Polizei gegen schiitische Demonstranten verantwortlich, die - inspiriert vom Arabischen Frühling - in den vergangenen Monaten in der Ost-Provinz gegen die Diskriminierung ihrer Religionsgruppe protestiert hatten.

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Diese zaghaften Protestaktionen erreichten zwar nie eine kritische Größe. Doch da die schiitische Minderheit vor allem in den Gebieten siedelt, in denen die Öl-Felder liegen, reagierte die Herrscherfamilie, die durch eine Allianz mit dem sunnitischen Klerus an die Macht gekommen war, sehr nervös.

Doch das Königshaus reagierte nicht nur mit Repression. Um seine Landsleute gegen das Revolutionsvirus zu impfen, öffnete König Abdullah im März die Staatsschatulle und verteilte im großen Stil Geld. Er führte Arbeitslosengeld ein und stellte zusätzliche Gelder für den Bau von Wohnungen und Moscheen zur Verfügung.

Diese Reformen würde Kronprinz Nayef, der gute Chancen hat, nach dem Tod des gesundheitlich angeschlagenen Königs in naher Zukunft dessen Nachfolge anzutreten, wohl nicht zurücknehmen. Doch im Gegensatz zu König Abdullah, der in den vergangenen Jahren das Bildungssystem für Mädchen gefördert hat, ist Prinz Nayef gegen die Berufstätigkeit der Frau. Und auch eine Ausweitung der bisher extrem bescheidenen Beteiligung der Bevölkerung an politischen Entscheidungsprozessen lehnt er ab.

Mit öffentlichen Kommentaren zu so heiklen Themen wie der Thronfolge halten sich die saudischen Prinzen in der Regel zurück. Doch der Modernisierer-Flügel der Familie Al-Saud, zu dem Prinz Talal gehört, hat durch die Ernennung von Prinz Nayef zum Kronprinzen auf jeden Fall eine Niederlage erlitten. (dpa)


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