„Großes Wunder“ - Bolschoi Theater mit Gala neu eröffnet

Sechs Jahre dauerte die teils dramatische Sanierung des legendären Bolschoi Theaters in Moskau. Bei der Neueröffnung erstrahlte der Musentempel wieder im Glanz der Zarenzeiten.

Moskau/Berlin - Mit einer fulminanten Gala hat Moskau der internationalen Kulturwelt nach sechs Jahren Totalsanierung sein Bolschoi Theater wieder im Zarenglanz übergeben. Von einem „großen Wunder“ sprach Kremlchef Dmitri Medwedew - etwas verloren auf der riesigen Bühne vor rund 1800 Gästen. Mit großem Kraftaufwand sei Russlands Nationalheiligtum vor dem Verfall gerettet worden. In dem auch mit viel Blattgold und rotem Samt erneuerten Zuschauersaal erklangen aus der mehr als 200-jährigen Geschichte des Bolschoi ausschließlich russische Opern- und Ballettklassiker.

Hausregisseur Dmitri Tschernjakow setzte auf Effekte und Überraschungen. Er ließ es zum Auftakt mit dröhnendem Lärm von Baumaschinen und einem Chor in Arbeitermontur krachen. Diese kurze Anspielung auf die auch von Korruption und Pfusch überschattete Rekonstruktion sorgte bei manchem zwar für Irritation. Durchaus stimmig ging der Krach dann aber in ein ergreifendes Chorwerk aus Michail Glinkas Oper „Iwan Sussanin“ („Ein Leben für den Zaren“) über.

Draußen ließ eine glanzvolle Lichtershow den Musentempel mit den markanten acht Säulen am Moskauer Theaterplatz in immer wieder anderen Farben erstrahlen. In das für rund eine halbe Milliarde Euro erneuerte Bolschoi kamen nur geladene Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Die Glücklichen, unter ihnen der Friedensnobelpreisträger und Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow, flanierten vorbei an Soldaten in Paradeuniformen. Die Staatsmacht hatte das Gelände im Zentrum weiträumig abriegeln lassen.

Nur am Karl-Marx-Denkmal gegenüber des größten Theaters der früheren Sowjetunion versammelten sich unter Polizeiaufsicht bei Temperaturen von knapp über Null einige Hundert Moskauer und Medienvertreter. Sie verfolgten das Spektakel auf Großleinwänden. Millionen andere Zuschauer sahen die feierliche Neueröffnung der von 2005 bis 2011 geschlossenen Bühne im Fernsehen. Auch 600 Kinosäle weltweit hatten zu dem kulturellen Großereignis eingeladen.

Bei der gut zweistündigen Feier überzeugten die Sopranistinnen Natalie Dessay (Frankreich) und Angela Gheorghiu (Rumänien) unter anderem mit einer Sergej-Rachmaninow-Komposition. Ovationen gab es auch für Sergej Prokofjews „Aschenbrödel“, für Tschaikowskys „Schwanensee“ sowie seinen „Krönungsmarsch“, mit dem der Abend ausklang.

„Eine Gala wie bei der Oscar-Verleihung“, schwärmten Moderatoren des russischen Fernsehsenders NTW. Der Kanal kritisierte aber wie viele andere Medien und Kommentatoren auch: „Für Normalsterbliche war der Eintritt verboten.“ Bereits zuvor hatte es Streit über die strikte Gästeliste gegeben. Auf dem Schwarzmarkt waren Tickets - echt oder gefälscht - für umgerechnet 50.000 Euro angeboten worden. Dass Medwedew mit seinem Auftritt - andere Redner gab es nicht - und die vielen Funktionäre im Saal dem Freitagabend den Anstrich eines Staatsaktes gaben, störte auch die Theaterleitung.

Intendant Anatoli Iksanow kam nicht zu Wort. Er hatte schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass der Staatsapparat die Gästeliste des Abends bestimmt habe und nicht das Theater. Die frühere Operndiva Galina Wischnewskaja, Witwe des berühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, gehörte zu den Auserkorenen: „Ich erkenne das Bolschoi fast nicht wieder. Alles ist so hell“, schwärmte die 85-Jährige. Eine solche Restaurierung sei in Russland, wo wertvolle Bauten immer wieder zerstört werden, eine absolute Ausnahme.

Dennoch gab es auch Missklang. Die von deutschen Klangingenieuren wie im 19. Jahrhundert wieder hergestellte Akustik sei „noch nicht ideal“, räumte der Generalmusikdirektor des Bolschoi, Wassili Sinajski, ein. Er zeigte sich aber optimistisch, dass die Probleme gelöst würden. Viel besser als vor der Schließung sei der Klang aber allemal. Der Tänzer Nikolai Ziskaridse kritisierte, dass die Räumlichkeiten und Probebühnen für die mit mehr als 200 Mitgliedern weltgrößte Balletttruppe vor Baumängeln nur so strotzten.

Russlands Kulturprofis erleben die nach aller Kunst der Technik erneuerte Bühne das erste Mal am 2. November bei der Premiere von Glinkas Märchenoper „Ruslan und Ljudmila“ (nach Puschkin) in der Regie von Tschernjakow. Der Regisseur ließ seine Eröffnungsgala am Freitagabend mit einem gewaltigem Feuerwerk über dem Moskauer Nachthimmel enden. (dpa)


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