Strauss-Kahn – Opfer einer politischen Verschwörung?

Der 14. Mai 2011 – für Dominique Strauss-Kahn ein Tag wie kein anderer: Am Morgen noch IWF-Chef und gefährlichster Herausforderer Sarkozys bei der französischen Präsidentschaftswahl, steht seine politische Karriere plötzlich vor dem Aus. Ein Journalist behauptet nun, dass DSK Opfer einer Verschwörung wurde.

New York – Eine Anklagejury legt Strauss-Kahn versuchte Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und unrechtmäßigen Freiheitsentzug zur Last. Nach einer Woche im Gefängnis wird er für sechs Wochen unter Hausarrest gestellt und von dem mutmaßlichen Opfer, Nafissatou Diallo, wegen sexueller Übergriffe verklagt.

Das Strafverfahren wird im August auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt. Der Grund: Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers. Dass DSK an jenem Tag Oralsex mit dem Zimmermädchen hatte, ist unbestritten. Der Angeklagte hatte aber immer wieder beteuert, dass dies einvernehmlich geschehen sei.

Ein Komplott aus den Kreisen Sarkozys?

Enthüllungsjournalist Edward Jay Epstein, der ein Faible für Verschwörungstheorien hat, will jetzt Beweise dafür gefunden haben, dass Strauss-Kahn das Opfer eines politischen Komplotts geworden ist. Der Journalist ist überzeugt, dass jemand versucht hat, Strauss-Kahns zu erwartende Kandidatur für die französischen Präsidentschaftswahlen zu verhindern. Die Hintermänner des Komplotts sollen aus dem Sarkozy-Lager kommen.

Epstein hat die Geschehnisse des 14. Mai für die New York Review of Books („NYROB“) rekonstruiert. Dabei kamen angebliche Ungereimtheiten zutage.

Smartphone gehackt

Am Morgen dieses Tages soll DSK eine Nachricht von einer Freundin erhalten haben, die vorübergehend im Pariser Büro von Sarkozys Partei UMP arbeitete. Diese soll ihn gewarnt haben, dass sein Handy gehackt worden sein könnte, da mindestens eine E-Mail, die er in jüngster Zeit über sein Blackberry an seine Ehefrau Anne Sinclair gesendet hat, vom Büro der UMP gelesen worden sei. Das Blackberry verschwand an jenem Tag im Sofitel. Während Strauss-Kahn gegen 12.00 Uhr duschte, verschaffte sich ein Servicemitarbeiter mittels elektronischer Zugangskarte Zutritt zu der Suite – laut eigener Aussage, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Der GPS-Modus des Geräts wurde um 12.51 Uhr deaktiviert, damit konnte es keine Signale zur Feststellung des Standortes mehr senden. Laut Epstein ist das Handy bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Nur sechs Minuten

Epsteins minutiöse Rekonstruktion des Tages ergab, dass das Zimmermädchen an jenem Tag frühestens um 12.06 Uhr die Präsidentensuite betrat und Strauss-Kahn bereits um 12.13 Uhr, als Diallo die Suite wieder verlassen haben musste, mit seiner Tochter Camille wegen einer Verabredung zum Essen telefonierte. Die versuchte Vergewaltigung, die Jagd durch die Suite und zwei Mal Oralsex – das alles soll also innerhalb dieser sechs Minuten geschehen sein. Diallo hat sich zudem – wie die Auswertung der elektronischen Zugangskarten ergab – vor und nach der Begegnung mit Strauss-Kahn mehrfach im Nachbarzimmer aufgehalten, welches entgegen ihren Angaben bewohnt war. Dieses müsste damit als Tatort gelten, die Polizei hat es aber nie untersucht und das Hotel gibt nicht preis, wer dort übernachtet hat.

Überwachungsvideo zeigt Jubeltanz

Epstein beschreibt weiters rund dreiminütige Videoaufnahmen einer Überwachungskamera des Hotels, in denen zwei Hotelangestellte die gemeldeten Vergewaltigungsvorwürfe des Zimmermädchens demonstrativ feierten. Das Sofitel teilte via Aussendung mit, dass der Freudentanz keiner gewesen sei, überdies keine drei Minuten, sondern nur acht Sekunden gedauert habe und die befragten Angestellten es kategorisch verneint hätten, dass ihr Verhalten etwas mit DSK zu tun gehabt habe.

Rätselhaft findet Epstein auch die Zeitspanne von einer Stunde zwischen der mutmaßlichen brutalen Vergewaltigung und der Meldung an die Polizei. Diallo traf erst fast vier Stunden nach dem Vorfall im Krankenhaus ein.

Sarkozys Partei wehrt sich

Der UMP-Generalsekretär Jean-François Copé nennt die ganze Geschichte „grotesk“. Ein Komplott oder doch nicht? Sicher ist nur, dass Dominique Strauss-Kahn im kommenden Jahr nicht Präsident wird. Seine Anhänger fordern die französischen Behörden jedoch im Zuge des Berichts in der New York Review of Books auf, die Vorwürfe zu untersuchen.

Im Mai, als Strauss-Kahn in New York mit Handschellen gefesselt den Medien vorgeführt wurde, waren nach einer Umfrage 57 Prozent der Franzosen davon überzeugt, dass ihr Landsmann einem Komplott zum Opfer gefallen sei. Der Bericht gießt neues Feuer in dieses überaus sensible Thema. (ema)


Kommentieren


Schlagworte