Österreichischer Soldat aus künstlichem Tiefschlaf erwacht

Der Schwerverletzte wird am Mittwoch aus dem Kosovo nach Österreich gebracht. Außenminister Spindelegger sprach von einer „dramatisch gefährlichen Situation“.

Wien - Bei Zusammenstößen zwischen Kosovo-Serben und Soldaten der internationalen Schutztruppe KFOR sind am gestrigen Montag unter anderem elf österreichische Soldaten verletzt worden. Die beiden am schwersten Verletzten werden am morgigen Mittwoch nach Österreich gebracht, teilte Verteidigungsminister Norbert Darabos (S) der APA am Dienstag mit. Einer der beiden Bundesheer-Soldaten, der laut einer Aussendung des Verteidigungsministeriums eine Lungenprellung erlitten hatte, wurde vorübergehend in künstlichen Tiefschlaf versetzt, ist aber nach Angaben von Darabos bereits wieder aufgewacht und ansprechbar. Es bestehe keine Lebensgefahr, sagte der Minister.

Die KFOR hatte am Montag eine von ortsansässigen Serben errichtete Straßensperre im nordkosovarischen Dorf Jagnjenica geräumt, wobei es zu schweren Ausschreitungen kam, bei denen auf beiden Seiten Dutzende Menschen verletzt wurden. Die serbischen Demonstranten setzten nach KFOR-Angaben unter anderem Sprengkörper und Molotow-Cocktails gegen die Soldaten ein; es soll nach Medienberichten auch geschossen worden sein.

In lebensbedrohlicher Lage wird nun scharf geschossen

Angesichts der Gefährlichkeit der Lage drohte die Schutztruppe in einer Aussendung vom späten Mittwochabend mit einer „Verschärfung“ ihrer Maßnahmen in der Zukunft. Der deutsche KFOR-Sprecher Uwe Nowitzki sagte gegenüber der ORF-“Zeit im Bild“ (Dienstag): „Sie haben die Anweisung heute abend (Montag, Anm.) bekommen, die Soldaten, dass wenn sie in lebensbedrohlicher Lage sind, (sie) auch scharf schießen dürfen.“ Darabos sagte der APA, die KFOR-Soldaten dürften zwar reguläre Waffen verwenden, diese würden aber nur zur Selbstverteidigung eingesetzt.

Das deutsch-österreichische ORF (Operational Reserve Forces)-Bataillon in der Krisenregion im Norden des Kosovo, in dem Österreich derzeit mit 150 Soldaten vertreten ist, werde morgen mit 120 Mann verstärkt, so Darabos. Der Minister, der derzeit in Brüssel ist und am Dienstag ein Gespräch mit dem Kommandanten im Kosovo geführt hat, berichtete weiters, dass die Eskalationen in jüngster Zeit von „Hooligans und Söldnern“ provoziert würden, die wahrscheinlich aus Serbien und Bosnien in die Krisenregion geschickt würden. Wer dahinter stecke, wisse man aber nicht genau. Die serbische Regierung sei es nicht.

„Dramatisch gefährliche Situation“

Außenminister Michael Spindelegger (V) sprach am Dienstag nach dem Ministerrat in Wien von einer „dramatisch gefährlichen Situation“ im Kosovo. Er werde nun Gespräche mit seinen serbischen und kosovarischen Amtskollegen führen, damit diese zu einer Beruhigung in der Krisenregion beitrügen. Am heutigen Dienstag wollte auch der UNO-Sicherheitsrat in New York über die Lage im Kosovo beraten.

Der serbische Vizepremier und Innenminister Ivica Dacic sieht unterdessen in dem Zwischenfall vom Montag einen Versuch, den EU-Kandidatenstatus für Serbien zu torpedieren. „Wie können wir die Tatsache anders interpretieren, dass die KFOR die Operation zur Entfernung der Straßensperren wenige Tage vor der Wiederaufnahme des Dialogs (mit Pristina, Anm.) begonnen hat“, sagte Dacic laut der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug am Dienstag in Belgrad.

Der serbische Präsident Boris Tadic rief unterdessen die KFOR auf, keine weiteren Räumungsaktionen gegen Straßensperren zu starten. Gleichzeitig rief er laut Tanjug die serbischen Vertreter im Nordkosovo auf, die Sperren von sich aus zu entfernen.

Verhandlungen zwischen Serbien und dem Kosovo am Mittwoch

Der serbische Kosovo-Unterhändler Borislav Stefanovic will sich trotz der Krawalle am morgigen Mittwoch mit seiner kosovarischen Verhandlungspartnerin Edita Tahiri treffen, um über eine Lösung des Konflikts zu sprechen. Die Europäische Union will auf Basis dieser neuerlichen Dialogrunde darüber entscheiden, ob Belgrad offiziellen EU-Kandidatenstatus erhält. Eine Sprecherin der EU-Außenpolitikbeauftragten Catherine Ashton sagte am Dienstag in Brüssel, zunächst würden die EU-Außenminister auf Grundlage der Ergebnisse des Dialogs am Donnerstag darüber ihre Meinungen austauschen, ehe am Montag der Rat Allgemeine Angelegenheiten Schlussfolgerungen über die Empfehlung der EU-Kommission abgeben soll. Die Sprecherin von Ashton verurteilte die jüngsten gewaltsamen Zusammenstöße im Norden des Kosovo.

Angesichts der Unruhen im Nordkosovo bereitet sich auch die serbische Armee auf ein mögliches Eingreifen vor. „Wir haben auch einen Plan für den Kosovo“, sagte der scheidende serbische Generalstabschef Miloje Miletic der Belgrader Tageszeitung „Vecernje Novosti“ (Dienstagsausgabe). Die Armee werde aber „ausschließlich im Rahmen der Entscheidungen der staatlichen Institutionen, der Verfassung und der Gesetze handeln“, betonte Miletic nach Angaben der Nachrichtenagentur Tanjug.

Hintergrund der jüngsten Krawalle sind die Straßenblockaden von Kosovo-Serben und der Streit um die Kontrolle über zwei Grenzübergänge nach Serbien. Die ethnischen Serben halten seit Mitte September die wichtigsten Verkehrswege unter Blockade, um gegen die Anwesenheit kosovo-albanischer Zöllner an den beiden Grenzübergängen Jarinje und Brnjak im mehrheitlich von Serben bewohnten Nordkosovo zu protestieren. (APA)


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