Zwischen Milliardengeschäft und Tradition: Bolivien und das Kokain

Das Kilogramm Koka-Blätter kostet in Bolivien rund zehn Dollar. Für das daraus gewonnene Kokain werden auf dem Schwarzmarkt je Kilo bis zu 100.000 Dollar gezahlt - bei diesen Gewinnmargen scheint der Kampf gegen die Drogenmafia aussichtslos.

Von Mario Roque Cayoja

La Paz – Die Indios in Bolivien nennen es „acullicu“. Gemeint ist das Kauen von Koka-Blättern – eine jahrtausendealte Tradition in dem Andenland. Sie hilft, Hunger, Müdigkeit und Erschöpfung zu vertreiben sowie Schmerzen zu lindern. Das machten sich auch die spanischen Eroberer zunutze, die im 16. Jahrhundert ins heutige Bolivien gelangten. Dank der Koka-Blätter konnten sie die brutal ausgebeuteten Ureinwohner noch länger in den Silberminen des südamerikanischen Landes schuften lassen.

120 Kilo Blätter für ein Kilo Rohpaste

Heute bringen die alkaloidhaltigen Blätter des Koka-Strauches selbst das große Geld – allerdings nicht für die „Cocaleros“, die sie anbauen, sondern für die Drogenbanden, die sie zu Kokain verarbeiten und in die USA und nach Europa schmuggeln. Ein Kilogramm der kleinen ovalen Blätter kostet in Bolivien umgerechnet rund zehn Dollar (7,50 Euro). Für ein Kilo Kokain-Rohpaste sind etwa 120 Kilogramm der Blätter nötig.

Warum der Handel mit dem illegalen Rauschgift ein so einträgliches Geschäft ist, zeigt sich noch im Land selbst: Nach Angaben der bolivianischen Antidrogenpolizei (FELCN) kostet das Kilo Kokain auf dem heimischen Markt rund 1500 Dollar (1125 Euro). An der Grenze zu Peru, Brasilien, Paraguay, Argentinien oder Chile angekommen, werde es bereits für das Doppelte gehandelt. Und gelange es nach Europa, klettere der Schwarzmarktpreis je nach Reinheitsgrad auf bis zu 100.000 Dollar (74.985 Euro) pro Kilo.

Längst mischen die mächtigen Drogenkartelle aus Kolumbien, Mexiko oder Brasilien in Bolivien kräftig mit. Sie kontrollieren in abgelegenen Gegenden ganze Gemeinden, wo sie ungehindert ihre „Kokain-Küchen“ zur Herstellung des Rauschgifts betreiben, berichtet Cesar Guedes vom UNO-Büro zur Bekämpfung der Drogenkriminalität (UNODC). „Unsere Mitarbeiter werden bei Inspektionen bedroht.“

Regierung gegen Drogenkartelle machtlos

Die Regierung des bitterarmen Landes scheint im Kampf gegen die Drogenkartelle auf verlorenem Posten zu stehen - zumal Präsident Evo Morales, einst Anführer der Koka-Bauern, die Tradition des Koka-Kauens verteidigen will. Aus diesem Grund hat Bolivien zum 1. Jänner 2012 die UNO-Drogenkonvention gekündigt. Zwar will ihr das Land erneut beitreten, aber unter Vorbehalt beim Artikel 49, der das Kauen von Kokablättern verbietet. Kritiker befürchten, dass dieser Schritt zu einem unkontrollierten Anstieg des Koka-Anbaus führen wird.

Schon Ende 2008 hatte Morales die amerikanische Anti-Drogenbehörde DEA des Landes verwiesen. Er warf ihr vor, einen gegen ihn gerichteten Umsturzversuch unterstützt zu haben. Seither ist die finanzielle Hilfe aus den USA für die Drogenbekämpfung in Bolivien nach Angaben von Ex-Innenminister Sacha Llorenti von jährlich 300 Millionen Dollar (225 Millionen Euro) auf 25 Millionen Dollar (18,7 Mio. Euro) geschrumpft.

„Die Drogenmafia hat sich weiter ausgebreitet und ihr Geschäft diversifiziert“, sagt der auf Rauschgiftkriminalität spezialisierte Ökonom Roberto Laserna. So werden nach Erkenntnissen der Behörden von Bolivien aus zunehmend die wirtschaftlich aufstrebenden Nachbarländer Brasilien und Chile mit hochreinem Kokain versorgt.

Staatsmacht nascht selbst vom Kuchen

Zuweilen mischt die Staatsmacht selbst bei dem lukrativen Geschäft mit: Bei einer Razzia ging Drogenfahndern im Februar in Panama Boliviens damaliger Geheimdienstchef General Rene Sanabria ins Netz. Der 58-Jährige, einst Direktor der bolivianischen Antidrogenpolizei FELCN, hatte fast 150 Kilogramm Kokain in die USA schmuggeln lassen. Ein Gericht in Miami verurteilte ihn kürzlich zu 14 Jahren Haft. Es wird spekuliert, er habe Dutzende Komplizen in hohen Kreisen gehabt. „Dies hat gezeigt, dass die Regierung im Kampf gegen die Drogenmafia schwach ist“, sagt Laserna.

Das Roden von Koka-Plantagen durch Polizei und Militär hat seiner Ansicht nach nur begrenzt Erfolg. Laut Gesetz ist in dem Andenstaat der Anbau von 12.000 Hektar Koka-Sträucher zum Eigenkonsum der Blätter erlaubt. Diese werden nicht nur gekaut, sondern auch als Tee getrunken und zu Arzneimitteln verarbeitet. Doch nach dem jüngsten UNODC-Bericht liegt die Anbaufläche bei 31.000 Hektar – davon sind demnach 19.000 Hektar zur Herstellung von Kokain gedacht.

Starker Dünger erhöht die Ernte

Hinzu kommt, dass in der Provinz Chapare im Departement Cochabamba derzeit besonders starke Düngemittel zum Einsatz kommen. Sie ermöglichen bis zu vier Ernten im Jahr. Die Nachbarregion Santa Cruz gilt als Hochburg der Rauschgiftkartelle, die von Bolivien aus etwa 20 Prozent des weltweiten Kokain-Handels beherrschen. Die restlichen 80 Prozent teilen sich je zur Hälfte Kolumbien und Peru.

Zwar hat die Polizei in diesem Jahr bereits rund 4600 Kokain-Labore ausgehoben. Den Aktivitäten der „Narcos“ tut dies aber keinen Abbruch. „Die Drogenbanden in Bolivien sind nicht nur immer besser organisiert, sie werden auch immer gewalttätiger“, beklagt Laserna.

Mario Roque Cayoja ist Korrespondent der dpa


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