Hausärzte attackieren Dorner, Uni Innsbruck präsentiert ELGA-Modell

Nach der Kritk der niederösterreichischen Ärztekammer nimmt nun auch der Hausärzteverband Ärztekammerpräsident Dorner wegen seiner Zustimmung zur ELGA unter Beschuss. Innsbrucker Informatiker präsentierten indes ein neues Modell für die Gesundheitsakte.

Wien/Innsbruck – „Teure Daten, medizinisch wertlos“, lautet das vernichtende Urteil der Österreichische Hausärzteverbandes (ÖHV) zur Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) – „die Ärzte wollen ELGA nicht“.

„Völlig falsch“ und „gegen die Basis“ findet der Verband daher die Entscheidung von Ärztekammerpräsident Walter Dorner, der der ELGA in der Bundesgesundheitskommission zugestimmt hatte. Vor kurzem hatte Dorner selbst noch seine Zweifel am medizinischen Nutzen der Akte geäußert. „Die Verschwiegenheitspflicht wird durch ELGA mit Füßen getreten“, hatte der Kammerpräsident Mitte November den Mangel an Datenschutz kritisiert.

Die niederösterreichischen Ärztekammer hat Dorner jüngst das Misstrauen ausgesprochen und seinen Rücktritt verlangt. „Wir als ÖHV schließen uns dem vollinhaltlich an“, unterstreicht Wolfgang Werner, Präsident der Wiener Landesgruppe, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

„Haben ein seit Jahren gut funktionierendes System“

Es werde so getan, als hätten die Ärzte und Ärztinnen ohne ELGA keine Ahnung über den Gesundheitszustand ihrer Patienten, kritisiert der ÖHV in einer Aussendung und weist auf „MedicalNet“ hin – ein „seit Jahren gut funktionierendes System“, über das der behandelnde Arzt aktuelle Befunde eines Patienten mittels eines einmaligen Codes abrufen kann.

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Bei der Pressekonferenz am Donnerstag deklinierte der Wiener ÖHV-Chef einmal mehr die Argumentationsliste gegen die Gesundheitsakte durch. ELGA wäre wegen der Geheimhaltungswünsche und Nichtbefolgung der Medikamenteneinnahme seitens der Patienten unvollständig, würde die Ärzteschaft zeitlich mehr belasten und hätte eine faktische Aussetzung des Datenschutzes zur Folge. Außerdem könnten Ärzte infolge des Übersehens eines Befunds, der bereits Jahre zurückliegt, haftbar gemacht werden. „Wir müssten das alles jedes Mal durchlesen, sonst werden wir fertig gemacht“, zeichnete Werner eine düstere Zukunft für die Kollegenschaft.

Das Problem der Doppelbefundungen, das durch ELGA vermieden werden soll, sei außerdem marginal. So habe die bisher einzige Studie zu diesem Thema im Bereich der Radiologie gezeigt, dass es hier nur bei einem Prozent der Untersuchungen Doppelbefundungen nachgewiesen worden seien. Unterm Strich gebe es trotz enormem Kostenaufwand „keine Evidenz zum Nutzen“, hieß es.

Uni Innsbruck präsentiert neues ELGA-Modell

Politisch noch in der Diskussionsphase, hat die Uni Innsbruck am Donnerstag ein neues Modell für die praktische Umsetzung der Gesundheitsakte präsentiert. Informatiker der Universität haben ein Modell entwickelt, das „technisch leicht implementierbar“ sei und „klare Vorteile für Ärzte, Patienten und auch das Gesundheitssystem“ bringe.

Der Prozess der Umsetzung der Elektronischen Gesundheitsakte werde unter anderem durch die Vielzahl der Daten erschwert, die in unterschiedlichen Formaten und häufig gar nicht digital vorlägen: „Sie können sich das wie einen hohen Papierstapel vorstellen – für einen Arzt ist dieser Stapel unbrauchbar, weil er erst recht wieder mühsam nach der gewünschten Information suchen muss“, erklärt Michael Borovicka, Forscher am Institut für Informatik der Universität Innsbruck.

Das entwickelte System soll Abhilfe schaffen: Patientendaten sollen dabei gleich elektronisch in einem einheitlichen Format erfasst und übermittelt werden. Dadurch würden Interpretationsschwierigkeiten wegfallen und der reibungslose Austausch von Patientendaten auch über mehrere Labors, Arztpraxen oder Krankenhäuser hinweg ermöglicht. Durch die digitale Erfassung ließen sich Befundwerte auch einfach mit älteren Befunden vergleichen und sogar grafisch darstellen, liegen die Vorteile für Borovicka auf der Hand.

Keine EDV-Umstellung nötig

Borovicka und seine Studenten Hannes Marth und Florian Rhomberg haben dabei ein komplettes, browserbasiertes System entworfen, das mit allen EDV-Lösungen, die an Krankenhäusern oder in Labors und Arztpraxen eingesetzt werden, funktioniert – Ärzte und Personal müssten also kein neues System anschaffen oder gar ihre gesamte EDV umstellen.

Die Daten des Patienten sollen bei seinem Besuch mittels E-Card in der Praxis erfasst werden. Der Arzt könne so bereits vorhandene Befunde sehen und sofort mögliche Untersuchungen bei einem Labor bestellen und werde unmittelbar über nötige Zusatzinformationen – etwa ob eine Schwangeschaft besteht – informiert. Das steigere die Effizienz und erleichtere den Ärzten die Arbeit. Auch grafische Informationen wie etwa Röntgenbilder könnten mit dem System einheitlich gespeichert und übertragen werden.

„Zum tatsächlichen Einsatz fehlen uns noch die Bezeichnungen der tausenden medizinischen Messdaten – die müssen medizinische Profis eingeben und festlegen“, sagt Borovicka. Prinzipiell gehe es um einen „Proof of Concept“ und darum, mittels dieser Grundlagenforschung zu zeigen, wie die ELGA funktionieren könnte. (tt.com)


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