Karzai: Afghanistan wird bis 2024 finanzielle Hilfe brauchen

Der afghanische Präsident wirft Pakistan mangelnde Unterstützung bei den Verhandlungen vor.

Hamburg/Bonn - Afghanistan will die internationale Gemeinschaft am Montag in Bonn um Milliardenhilfen auf lange Sicht bitten. Das Land brauche nach dem geplanten Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 sicher noch zehn Jahre lang finanzielle Unterstützung, sagte Präsident Hamid Karzai dem „Spiegel“ laut einem Vorausbericht von Samstag. Der Staat stehe nach dem Abzug „mehr denn je an der Frontlinie“ im Kampf gegen den Terrorismus. „Wenn wir diesen Kampf verlieren, droht uns allein ein Rückfall in eine Situation wie vor dem 11. September 2001“, erklärte der Staatschef, der sich wegen einer internationalen Afghanistan-Konferenz in Deutschland aufhält.

Karzai sieht demnach vor allem Bedarf beim weiteren Aufbau von Armee, Polizei und einer geordneten Verwaltung und räumte massive Probleme im Land ein. „Wir sind leider daran gescheitert, Sicherheit und Stabilität für alle Afghanen zu schaffen“, sagte der Präsident. „Das ist unser größtes Versagen.“ Am Montag kommt die internationale Gemeinschaft nach zehn Jahren zum zweiten Mal auf dem Petersberg in Bonn zusammen, um ihr weiteres Vorgehen am Hindukusch zu beraten. Nach den Worten von Finanzminister Omar Zakhilwal (Sachilwal) sind jährlich etwa sieben Milliarden Dollar aus dem Ausland nötig, um Sicherheit und Entwicklung des Landes gleichzeitig zu finanzieren. „Afghanistan darf nicht vor eine Entscheidung zwischen diesen beiden Aufgaben gestellt werden“, mahnte Zakhilwal in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir müssen uns über die Konsequenzen klar sein, wenn die Regierung vor einer solchen Alternative steht.“

Afghanistan könne Polizei und Armee nach dem Abzug der internationalen Sicherheitskräfte nur mit Geld aus dem Ausland bezahlen, betonte Zakhilwal. „Nach 2014 können wir die derzeitige Zahl der Einsatzkräfte nicht durchhalten - aus Kostengründen“, sagte er. Die Regierung habe den Finanzbedarf berechnet und sei zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen wie die Weltbank in ihrer jüngsten Studie, sagte Zakhilwal. „Wir wollen auf dieser Konferenz starke, glaubwürdige Zusagen unserer Partner für eine langfristige Unterstützung von Entwicklung und Sicherheit erhalten.“ Die internationale Gemeinschaft hat Afghanistan in den vergangenen zehn Jahren mit Milliardensummen unterstützt. Trotzdem beherrschen Gewalt und Armut noch immer den Alltag der rund 27 Millionen Menschen.

Überschattet wird die Konferenz von der Absage Pakistans. Diplomatischen Bemühungen, Außenministerin Hina Rabbani Khar doch noch an den Verhandlungstisch zu holen, scheiterten am Freitag. Pakistan boykottiert die Konferenz wegen eines NATO-Angriffs auf zwei Militärposten, bei dem 24 pakistanische Soldaten getötet worden sein sollen.

„Nicht an der Konferenz in Bonn teilzunehmen, ist kein Signal an Deutschland“, versicherte Khar in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag). „Aber der Vorfall ist einfach zu schwerwiegend.“ Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle äußerte Unverständnis. „Pakistan hat von einer guten Entwicklung in der Region und einem stabilen, friedlichen Afghanistan mehr zu gewinnen als jeder andere Nachbarstaat Afghanistans. Wer nicht kommt, kann seine Anliegen und Gesichtspunkte nicht direkt einbringen“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Der Erfolg der Konferenz hänge aber nicht von der Teilnahme eines Landes ab.

Karzai warf dem Nachbarland Pakistan vor, Friedensgespräche mit den Taliban zu behindern. „Bisher haben sie leider jede Hilfe beim Zustandekommen von Verhandlungen mit der Taliban-Führung verweigert“, sagte Karzai dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einem Interview, das am Samstag im Voraus veröffentlicht wurde. Bestimmte Kreise in Pakistan wollten sich durch die Taliban Einfluss in Afghanistan sichern. „Solange sich das nicht ändert, wird es wohl keine Gespräch geben“, sagte Karzai.

Der pakistanische Militärgeheimdienst ISI arbeitet nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung direkt mit Aufständischen in Afghanistan zusammen. Die Zeitung berichtete in ihrer Samstagsausgabe unter Berufung auf einen französischen Geheimdienstbericht vom 7. Februar, der ISI solle ein Netzwerk von Terroristen aufgefordert haben, Autos und Uniformen der afghanischen Armee und Polizei zu beschaffen. Sie sollten bei Selbstmordanschlägen genutzt werden. Das Blatt zitierte außerdem den „Geheimdienst der US-Luftwaffe“, wonach die pakistanische Regierung Terroristen nach Afghanistan einschleust. „Im Juli 2011 gab es Berichte, dass 1.250 Taliban vom pakistanischen Geheimdienst ISI trainiert und nach Afghanistan geschickt wurden“, heiße es in einem geheimen Papier.

Rund 2.000 Menschen demonstrierten am Samstag in Bonn gegen den Krieg am Hindukusch. Die Polizei war mit 4.000 Beamten im Einsatz, größere Zwischenfälle gab nach ihren Angaben nicht. Die Beteiligung blieb hinter den Erwartungen zurück. Veranstalter und Polizei hatten mit 6.000 Teilnehmern gerechnet.

Auf der Schlusskundgebung wurde der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele von einer Demonstrantengruppe mit Eiern beworfen. Sie schleuderte dem langjährigen Gegner des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan zu Beginn seiner Rede die Worte „Blut, Blut, Blut an den Händen“ entgegen. Ströbele erlitt einen Schnitt an der Nase. (APA/Reuters/AFP/dpa)


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