„Er hat mein Herz getötet. Er soll gefasst und bestraft werden!“

Im Fall der ermordeten Souzan, die von ihrem eigenen Vater auf offener Straße erschossen wurde, gibt es kein Vorankommen. Der Täter ist auf der Flucht, seine Familie liegt in Scherben.

Stolzenau – Souzan (13) starb durch mehrere Schüsse. Immer wieder hat ihr Vater Ali B. abgedrückt und in den Kopf, in den Oberkörper seiner eigenen Tochter geschossen. Weil er nicht ertragen konnte, dass sie ein eigenständiges Leben führen wollte. Ohne ihre Familie - ohne das brutale Familienoberhaupt, das sie immer wieder mit Schlägen bestrafte. Ein Ehrenmord.

Hazna K. stand daneben, als Souzan zu Boden fiel. „Ich sah meine tote Tochter am Boden. Überall Blut“, erzählte sie jetzt in den Medien unter Tränen. Ihr Mann ist weiterhin auf der Flucht, die Polizei stuft ihn als gefährlichen Gewaltverbrecher ein.

Für Hazna und ihre drei verbliebenen Söhne wird nichts mehr, wie es einmal war. Sie kann die Tat nicht verstehen und ihrem Mann nicht verzeihen: „Ich will nichts mehr von ihm wissen. Er hat mein Herz getötet. Er soll gefasst und bestraft werden.“

Seit 15 Jahren ist das Paar verheiratet, nach Souzan kamen noch die Brüder Tansen (11), Mouris (7) und Marius (5). Vor zehn Jahren beschloss die Familie aus dem Irak nach Deutschland zu fliehen – um dort in Freiheit zu leben. Als Kurden und Angehörige der Religionsgemeinschaft der Jesiden sind sie im Irak immer verfolgt worden, hätten nie in Ruhe leben können.

Freiheit – das wollte auch Souzan. Weil sie immer öfter verprügelt wurde, weil sie es daheim nicht mehr ausgehalten hat. Mit all den Regeln und Zwängen. Schließlich flüchtete das Mädchen zum Jugendamt, ließ den Eltern sogar das Sorgerecht entziehen.

Das war offenbar zuviel für Ali B. Mit einem Brief suchten er und seine Frau noch einmal das Gespräch mit ihrer Tochter. Oder war es doch nur ein Lockangebot, um das Kind in den Tod zu schicken?

Die Eltern schrieben vor der Aussprache, bei der es zu der tödlichen Schießerei kam: „Guten Tag unsere liebe Tochter Souzan, es ist sehr lange her, dass wir miteinander gesprochen haben; ob wir es wollen oder nicht, wir sind deine Eltern und du bist unsere Tochter; deshalb sollen wir miteinander reden und die Dinge klären. Wir und deine Brüder vermissen dich sehr.“

Die 13-Jährige ging auf das Angebot ein, wollte noch einmal mit ihren Eltern sprechen. Vielleicht auch, weil sie ihr mit folgendem Satz Hoffnung geschenkt haben: „Wir sind keine Richter oder Richterin und keine Polizei; wir sind deine Eltern und möchten gerne von dir wissen, wie es dir nach sechs Monaten geht.“

Doch der Vater nahm die eigenen Worte nicht ernst – er richtete über seine Tochter, als sie nach dem Gespräch nicht mehr in die Familie zurückkehren wollte. Als sie seine Ehre beleidigte. Und seine starren, patriarchalischen Vorstellungen einer „guten“ Tochter.

„An dem Tag, als er unsere Tochter erschoss, habe ich ihn zum Jugendamt begleitet. Dort trafen wir Souzan zum Gespräch, in dem wir sie angefleht haben, wieder zu uns zurückzukommen“, erzählte die Mutter im Interview mit der „Bild“-Zeitung. „Wir waren schon wieder draußen, da sagte mein Mann, dass er noch einmal kurz zurück muss. Er ging – dann hörte ich einen schrecklichen Schrei.“

Souzan starb vor den Augen ihrer Mutter, auch die Rettungskräfte konnten dem Mädchen nicht mehr helfen. Der Vater verschwand – bis heute, eine Woche nach der Tat, ist er auf der Flucht.

Ob er sich immer noch in Deutschland aufhält, oder sich in seine alte Heimat abgesetzt hat, ist unklar.

Die Familie muss unterdessen versuchen, mit der Tragödie klar zu kommen. Souzan wird in wenigen Tagen am Friedhof der Jesiden in Hannover beigesetzt. (rena)


Kommentieren


Schlagworte