Streit um den Christbaum: Was vom Waffenstillstand übrigblieb

Vor 20 Jahren unterzeichneten Süd- und Nordkorea einen Angriffspakt, der Frieden in den beiden Ländern bringen sollte. Doch bis heute sorgen schon Kleinigkeiten dafür, dass sich die beiden Nachbarn gegenseitig auf die Zehen treten.

Seoul, Pjöngjang – Als der nordkoreanische Regierungschef Yon Hyong Muk und der südkoreanische Ministerpräsident Cung Won Shik den Nichtangriffspakt am 13. Dezember 1991 unterzeichnen, atmet die Welt auf. Die verfeindeten Brüder haben einen Schritt aufeinander zugemacht – ein Sorgenkind der Weltpolitik weniger.

Die Länder verpflichten sich zum Rüstungsabbau und einer militärischen Entspannung auf der koreanischen Halbinsel. Doch mehr als ein zähneknirschendes Händeschütteln ist der Vertrag zwischen den beiden Brüderstaaten nicht. Bis heute gibt es keinen offiziellen Friedensvertrag zwischen Süd- und Nordkorea, offiziell ist der Koreakrieg – bei dem der kommunistische Norden den Süden 1950 überfiel und damit den dreijährigen Krieg auslöste – noch nicht beendet.

Auch der Nichtangriffspakt bleibt nach anfänglichem gegenseitigen Respekt eher zahnlos. Zu tief sind die Wunden, die der Koreakrieg in die Herzen der Nord- und Südbewohner gerissen hat. Frieden - ja, Vergebung - nein.

Im Juni 1999 kommt es schließlich zu einem ersten großen Verstoß gegen den Nichtangriffspakt. Sechs nordkoreanische Patrouillenboote verletzen mehrmals die Seegrenze, Schusswechsel sind die Folge. Rund 30 Matrosen der nördlichen Halbinsel werden getötet, sieben Matrosen aus dem Süden verletzt. Nur drei Jahre später kommt es erneut auf hoher See zu einem Gefecht zwischen den beiden Feinden, ein südkoreanisches Kriegsschiff wird versenkt.

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Im Oktober 2006 schockt Nordkorea nicht nur seinen Nachbarn sondern auch den Rest der Welt mit der Nachricht, dass es erstmals Atomwaffen testet. Ein eindeutiger Verstoß gegen die Vereinbarung des Rüstungsabbaus. Und eine Warnung an den Süden.

In den folgenden Jahren kommen die Scharmützel an der Grenze nicht zum Stillstand. Im November 2009 stirbt erneut ein Koreaner – wieder ist es ein Gefecht auf hoher See.

Im März 2010 gerät der Nichtangriffspakt schließlich gehörig ins Wanken: Ein südkoreanisches Kriegsschiff sinkt nach einer Explosion, 46 Besatzungsmitglieder sterben. Südkorea beschuldigt seinen nördlichen Nachbarn, den Untergang mit einem Torpedo provoziert zu haben, ein monatelanger Streit ist die Folge. Schließlich droht der Norden sogar mit der Auflösung des Paktes. Im November 2010 folgt dann der Beschuss der südlichen Insel Yeongpyeong mit Granaten, der einen Soldaten das Leben kostet. Südkorea erwidert das Feuer, die schwersten Gefechte seit Jahren sind damit im Gang.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Christbaum: Seoul stellt nahe der Grenze zu Nordkorea eine 30 Meter hohe Lichtkonstellation auf, die wie ein Weihnachtsbaum aussieht.

Kim Jong Il geht in seinen Regierungsgemächern in Pjöngjang an die Decke: Nicht nur, dass die Nachbarn damit gegen ein Abkommen verstoßen haben, nachdem es in der Grenzregion keine Propaganda geben dürfe – die Seouler Regierung will seine Bevölkerung auch noch unverholen zum Christentum bekehren. Das zumindest ist der Vorwurf, den der kommunistische Staatschef über die Medien kolportiert und der die Spannungen zwischen den beiden Ländern noch zusätzlich verschärft.

Auch 2011 sorgt die weihnachtliche Dekoration entlang der militarisierten Zone für Zündstoff. Kim Jong Il droht mit „unvorhersehbaren Konsequenzen“, wenn die riesige Lichtkonstruktion nicht abmontiert werde. Auf der Internetseite der Regierung spricht er sogar von einem „hinterhältigen Versuch der psychologischen Kriegsführung“.

20 Jahre nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes ist ein Frieden zwischen Nord- und Südkorea immer noch nicht in greifbarer Nähe. Ob es zumindest für einen Weihnachtsfrieden reicht – darüber entscheidet wohl der Christbaum. (rena)


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