Ende einer Epoche: Christa Wolf in Berlin beigesetzt

Die letzte große Autorin, deren Weg und Werk mit der DDR so eng verbunden war, wurde zu Grabe getragen. Mit dem Abschied von Christa Wolf geht auch eine Epoche zu Ende.

Von Esteban Engel und Elke Vogel, dpa

Berlin – Der kalte Regen peitscht auf die Schirme, ein eisiger Wind bläst über die Gräber, als am Dienstagmittag der letzte Weg von Christa Wolf beginnt. Hunderte Menschen stehen dicht gedrängt vor der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Es sind wenige Schritte bis zur Ruhestätte der Schriftstellerin. „Je älter man wird, desto mehr braucht man Freunde wie Euch“ - in seiner Abschiedsrede hat Volker Braun an diesen Satz von Christa Wolf erinnert. Dann setzt sich der Zug der Leser und Weggefährten in Bewegung, getragen von der Erinnerung an Bücher und Texte, an den „fraulichen Mut“, wie der Dramatiker Braun in der Kapelle im Kreis der Familie und Freunde zuvor gesagt hat.

Bewegende Trauerrede von Volker Braun

Mit dem Tod von Christa Wolf vor zwei Wochen ging auch eine Epoche zu Ende. Sie war die letzte große Schriftstellerin, die aus der Erfahrung mit der DDR ihr Werk geschöpft hat. Volker Braun erinnert an die andere große DDR-Autorin, die 1983 gestorbene Anna Seghers, die für Wolf Freundin und Vorbild war.

Doch wie anders fällt diesmal der Abschied aus - auch darüber spricht der Dramatiker in seiner bewegenden Traueransprache. Anna Seghers sei mit militärischen Ehren beerdigt worden, die Menschen hätten vor dem Tor auf der Chausseestraße ausharren müssen, bis der offizielle Teil vorbei war. Fast 30 Jahre später, an diesem tristen Dezembermorgen, öffnet sich der Friedhof für alle, die kommen wollen. Zu ihnen gehören Prominente wie Günter Grass und Christoph Hein, Wolfgang Thierse, Gregor Gysi, Andrej Hermlin und Friedrich Schorlemmer.

Auch Bärbel Erler ist da, eine von den vielen Frauen, die sich zum letzten Geleit versammelt haben. Sie habe immer Wolfs Fähigkeit bewundert, „ihre Persönlichkeit auszuloten, ohne sich selbst dabei zu schonen“, sagt sie. Es klingt wie die Erinnerung an eine nahe Freundin.

„Die Hoffnungsvolle, die Zweifelnde“

„An sich“ heißt das Gedicht von Paul Fleming, das die Schauspielerin Corinna Harfouch gleich zu Beginn der Feier vorträgt. „Sei dennoch unverzagt, gib‘ dennoch unverloren, weich keinem Glücke nicht“, sagt sie mit Tränen erstickter Stimme. Und dann erklingen zwei Lieder aus Schuberts „Winterreise“. Matthias Goerne singt von „gefrorenen Tränen“. Die Stimme wird über Lautsprecher aus der Kapelle ins Freie getragen.

Ob für Stefan Heym, Stephan Hermlin oder Heiner Müller - in den zwei Jahrzehnten nach dem Mauerfall hielten die Trauerfeiern auch die Erinnerungen an die verratenen Hoffnungen auf eine „bessere“ DDR wach. In den Abschied von Christa Wolf mischt sich ebenfalls Nostalgie. „Die Hoffnungsvolle, die Zweifelnde“, nennt sie Braun. Sie sei gegen alle Widerstände dageblieben, „der selbstgewisse Westen war nie die Alternative“.

Enkelin spricht am Grab

Auch ihre Enkelin Jana Simon blickt auf die Jahrzehnte zurück, als Christa Wolf sich immer wieder für das Dableiben rechtfertigen musste. „Du hast immer etwas gewollt und das möglichst mit vielen“, sagte sie als Sprecherin der Familie vor ihrem Großvater Gerhard Wolf. „Eine große, lebenslange Liebe“ habe das Ehepaar verbunden. Um die „Existenzialität ihrer Gefechte“ habe sie die beiden beneidet.

Noch lange nachdem der Sarg in die Erde eingelassen worden ist, ziehen die Menschen am offenen Grab vorbei. Sie werfen etwas Erde darauf, Rosen und Nelken legen sie an die Seite. Manche gehen noch zu den Nachbargräbern, schauen bei Bertolt Brecht und Anna Seghers vorbei.


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