Das Zinseszinssystem ist nicht Schuld an der Finanzkrise

Das Zinseszinssystem ist nicht Schuld an der aktuellen Finanzkrise. Auch die Intervention der EZB kann diese nicht vollständig lösen. Ein exorbitanter Anstieg der Inflation wird ebenso nicht erwartet. Wirtschaftsexperte Stephan Schulmeister gibt im TT.com-Interview Antwort auf aktuelle Fragen.

Innsbruck – Die Finanzkrise zieht sich schon eine ganze Weile. Die Politiker eilen von einem Gipfel zum Nächsten. Lösungen werden aber so gut wie keine präsentiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) solle doch die „Bazooka“ rausholen – also die Notenpresse anwerfen – und die Krise lösen, fordern viele Politiker in der Euro-Zone. Stephan Schulmeister, Wirtschaftsexperte und Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) erklärt im TT.com-Interview warum die EZB nicht DIE Lösung aller Probleme sein kann und warum keine Hyperinflation zu befürchten ist. Schulmeister hielt am Montag einen Expertenvortrag in Innsbruck und kam auf Einladung der AK Tirol und des Arbeitskreises Wissenschaft und Verantwortlichkeit der Universität Innsbruck in die Landeshauptstadt.

Kritiker des kapitalistischen Systems sprechen davon, dass das Zinseszinssystem die Krise verschärfen würde. Ist dieses System tatsächlich Schuld an der aktuellen Misere?

Stephan Schulmeister: Das Zinseszinssystem für sich allein genommen, halte ich nicht für problematisch. Vor allem nicht, wenn eine Wirtschaft stetig wächst. Entscheidend ist, das Verhältnis von Zinssatz zu Wachstumsrate. Denn auch die wirtschaftliche Wachstumsrate folgt dem Zinseszinsmechanismus. Wenn also die Wirtschaft um drei Prozent wächst, im nächsten Jahr wieder um drei Prozent wächst, dann tritt ein Zinseszinseffekt in der Realwirtschaft ein. Und dem entspricht der Zinseszinseffekt bei der Entwicklung von Finanzvermögen und auch Finanzschulden.

Die Wachstumsrate der Wirtschaft hat sich aber abgeschwächt, ganz im Gegensatz zu den Zinsen…

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Schulmeister: Entscheidend ist nur, dass der Zinssatz - als die Wachstumsrate der Finanzschulden - immer niedriger ist als die Wachstumsrate der Realwirtschaft und genau das ist seit 30 Jahren nicht der Fall. Seit 30 Jahren liegt der Zinssatz über der Wachstumsrate. Mit dem Ergebnis, dass die Unternehmer verständlicherweise weniger Investitionskredite aufgenommen haben, das Wirtschaftswachstum gesunken ist, die Arbeitslosigkeit gestiegen ist und damit indirekt die Staatsverschuldung zugenommen hat, deren Dynamik jetzt aber zusätzlich beschleunigt wurde weil der Zinssatz für die Staatsschuld auch höher war als die Wachstumsrate.

Das heißt der Schritt von der EZB den Leitzins zu senken, war richtig?

Schulmeister: Die Richtung stimmt, nur besteht hier kaum mehr ein Spielraum nach unten. Das ist bekannt - auch schon von der Weltwirtschaftskrise (2008, Anm.) - dass der Zinssatz nach unten mit Null beschränkt ist. Weil ein negativer Nominalzins nicht denkbar ist. Niemand würde das Geld zur Bank tragen und ein Jahr später weniger abholen. Da behält man sich das lieber in Cash. Der Zins kann also nicht unter Null Prozent sinken. Wenn aber eine lange Wirtschaftskrise oder eine hartnäckige Wirtschaftskrise gegeben ist, dann bräuchte man einen negativen Zins. Da das nicht möglich ist, muss man mit anderen Mitteln der Wirtschaftspolitik versuchen die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Von der EZB wird gefordert, dass sie in die Krise eingreift, die Notenpresse anwirft und damit die Krisenstaaten direkt unterstützt. Ist das DIE Lösung der aktuellen Krise?

Schulmeister: Nein, DIE Lösung ist es auf keinen Fall. Es ist aber eine Notlösung. Das heißt, in einer Situation wo die Zinssätze in vielen Ländern einer Währungsunion immer mehr steigen, kann die Intervention der Zentralbank, damit meine ich Anleihenkäufe der Zentralbank, das Zinsniveau stabilisieren. Nur das ist das Hauptziel des sogenannten Quantitative Easings (siehe Infobox), also der Anleihenkäufe der US-Notenbank oder auch der Notenbank in Großbritannien. Das ist nicht Geld drucken in dem Sinn, wie etwa der Diktator Mugabe in Simbabwe Geld druckt. Weil dort werden ja zum Beispiel die Gehälter der Beamten direkt von der Notenpresse finanziert. Beim Quantitative Easing geht es darum, dass die Zentralbank Anleihen, die die Banken besitzen gegen Cash tauscht. In der Hoffnung das mehr Geld in den Umlauf kommt. Weil das Problem ja gerade darin besteht, dass zu wenig Geld zirkuliert, da zu viele Akteure vorsichtig sind.

Bedeutet das, dass es aus den oben genannten Gründen zu keiner Hyperinflation kommen kann?

Schulmeister: Absolut, da diese Anleihenkäufe nicht Geld im Sinne des Transaktionsmittels vermehren, sondern nur Finanzvermögensbestände tauschen. Die Zweite Erklärung warum es keine Inflationsbeschleunigung nennenswerten Ausmaßes geben wird, liegt darin, dass ja enorme freie Kapazitäten sowohl in den USA als auch in Europa vorhanden sind. In anderen Worten: Die Arbeitslosigkeit ist noch immer sehr hoch und die Unternehmen sind nicht voll ausgelastet. Selbst wenn also dieses Geld auf den Gütermärkten nachfragewirksam wird, würde das zunächst die Produktion erhöhen, aber nicht die Preise. Erst wenn die Kapazitäten ausgeschöpft sind und eine zusätzliche monetäre Nachfrage sich entfaltet, geht es in die Preise. Hyperinflation gab es in Europa ausschließlich nach dem ersten Weltkrieg. Damals waren ja, wie immer nach einem Weltkrieg, die Produktionskapazitäten weitgehend zerstört. In so einer Situation ist es klar, wenn mehr nominelle Nachfrage geschaffen wird, weil Beamte mit der Notenpresse finanziert werden, gleichzeitig aber nicht mehr Güter auf den Markt kommen können, dann geht es nur in die Preise. Aber alle diese Bedingungen sind heute nicht gegeben.

Das Gespräch führte Serdar Sahin


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