Weihnachtseinkauf XXL - Chinas 300-Milliarden-Fonds

China will in Aktien, Unternehmensanleihen, Immobilien investieren. Die USA und Europa stehen im Blick der zwei neuen Fonds.

Spitzmarke – Die Nachricht hat die Aktienmärkte vorige Woche zumindest für einen Tag in vorweihnachtliche Hochstimmung versetzt: 300 Mrd. Dollar (231 Mrd. Euro) will die Zentralbank der Volksrepublik nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters in zwei neue Fonds stecken und damit in den USA und Europa auf Einkaufstour gehen. Viele Experten sind sich einig, dass die Chinesen damit einen Strategiewechsel einläuten. „Sie wollen Basiswerte - Aktien, Unternehmensanleihen, Immobilien - alles, was die Regierungen der Länder (in der Euro-Zone und den USA) losschlagen müssen“, sagte eine der Personen, die Einblick in den Devisenhandel chinesischer Regierungsstellen hat, wozu auch die Zentralbank zählt.

Als Beispiel nannte die Person das Gebot Chinas für einen Anteil an dem portugiesischen Versorger Energias de Portugal, der rund 2 Mrd. Euro Wert ist. Vor allem Länder wie Portugal, Italien und Griechenland versuchen derzeit, ihre leeren Staatskassen mit dem Verkauf von Beteiligungen zu füllen.

Die chinesischen Fonds sollen unter dem Dach eines neuen Investmentvehikels verwaltet werden, das schon vor Beginn der Euro-Schuldenkrise in Planung war, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen. Am Freitag schob die Reuters-Meldung Dax, EuroStoxx50 und Dow Jones kräftig an, und auch der Euro legte zu.

Die Regierung in Peking verfolgt seit zwei Jahren mit Sorge das Auf und Ab in der Euro-Schuldenkrise, denn Chinas größter Exportmarkt steht am Rande einer Rezession und hat bereits Wachstum und Produktion in der Volksrepublik in Mitleidenschaft gezogen. Auch der mögliche Ausfall von europäischen Staatsanleihen bereitet den Verantwortlichen in Fernost Kopfzerbrechen - schließlich hält das Reich der Mitte Schätzungen zufolge allein aus der Euro-Zone Bonds im Wert von fast 800 Mrd. Dollar. Dabei hatte die Volksrepublik mit ihrem Engagement in Europa eigentlich geplant, ihre Devisenreserven von 3,2 Billionen Dollar auf diesem Weg gegen eine zu große Abhängigkeit vom US-Dollar zu schützen.

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Die Turbulenzen am Markt für Staatsanleihen dürften die Volksrepublik in ihrer neuen Strategie bestärkt haben. „China hat erkannt, dass wirkliche Vermögenswerte besser sind als gebrochene Versprechen (in der Euro-Schuldenkrise) oder niedrige Leitzinsen“, sagte Paul Markowski, Präsident von MES Advisers und langjähriger Berater der chinesischen Zentralbank für die globalen Finanzmärkte.

Die Gelegenheit für die Neuausrichtung bewerten manche Chinesen offenbar als ausgesprochen günstig. „Viele ausländische Firmen verfügen über eine hoch entwickelte Technologie, haben Probleme mit ihrem Geschäft und stehen am Rande einer Pleite - das ist eine Gelegenheit, die es nur einmal in 1.000 Jahren gibt“, zitierte die Hongkonger Zeitung „Wen Wei Po“ den einflussreichen Regierungsberater Zheng Xinli vorige Woche.

Zumindest sei es die beste Gelegenheit in den vergangenen 15 bis 20 Jahren, selbst wenn man die Probleme bei der Bewertung europäischer Bankaktien beiseitelasse, urteilte JP-Morgan-Analyst Mislav Matejka. Europäische Titel würden mit einem Abschlag von 46 Prozent im Vergleich zu Werten in den USA gehandelt. Damit seien sie für global aufgestellte Aktienanleger die preiswertesten Papiere weltweit, sagte Matejka. Das sieht auch Andy Xie so, Experte für die Politik Chinas: „Europäische Aktien sind billig. Viele Firmen aus Europa machen Gewinne in aller Welt. Es ist für asiatische Notenbanken sinnvoll, ihre Aufmerksamkeit von überteuerten Staatsanleihen wie denen der USA auf Aktien zu lenken. Das würde Geld auf einem Weg in die Eurozone pumpen, von dem asiatische Länder mit der Zeit profitieren.“

Tatsächlich mussten viele Anteilsscheine großer Konzerne in Europa 2011 mächtig Federn lassen. Allein die Aktien des größten deutschen Geldinstituts, der Deutschen Bank, haben 29 Prozent eingebüßt, die Papiere der Commerzbank sind sogar um 74 Prozent eingebrochen. Die Anteilsscheine von RWE werden 47 Prozent unter ihrem Vorjahreskurs gehandelt, die Papiere des italienischen Zementherstellers ItalCementi verloren 24 Prozent.

Die Idee, klammen Staaten Vermögenswerte abzukaufen, hat nur einen Haken: Die Investoren aus der Volksrepublik werden nicht überall mit offenen Armen begrüßt. Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, dass ein chinesischer Fonds abgewiesen wird, der in Paris oder Madrid anklopft, um an Projekten oder Firmen zum Ausbau der Infrastruktur beteiligt zu werden. Einem Investmentbanker in Hongkong zufolge, der chinesische Unternehmen bei Zukäufen im Ausland berät, ist der Weg nach Übersee kein leichtes Unterfangen. „Eine Idee könnte aber sein, dass sich China Ackerland kauft. Auch Häfen wurden in der Vergangenheit ins Auge gefasst. Sie wollen einfach nichts machen, was politisch unbeliebt ist.“

Rücksicht nehmen müssen die Manager der Fonds auch auf die Befindlichkeiten innerhalb der Volksrepublik. Der bereits existierende Fonds China Investment Corp (CIC) wurde heftig kritisiert, als er 2007 bei Investitionen in die US-Investmentbank Morgan Stanley und den Finanzinvestor Blackstone viel Geld verloren hatte. Aber mit den Schuldenproblemen in Europa und den USA im Nacken bleibt den Chinesen nichts anderes übrig, als sich nach neuen Anlagemöglichkeiten umzuschauen.

Offenbar soll die Strategie des Erwerbs von realen Vermögenswerten noch massiv ausgebaut werden: Nach Berechnungen von Karl Sauvant von der Columbia University wird China die direkten Investitionen im Ausland in den kommenden zehn Jahren auf ein bis zwei Billionen Dollar steigern, zusätzlich zu den jetzt in die Hand genommenen 300 Milliarden.


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