Krawalle in Kairo: Mindestens drei Tote und 100 Verletzte

Sicherheitskräfte und Demonstarnten gingen am Freitag in der ägyptischen Hauptstadt aufeinander los.

Kairo – In Kairo fließt wieder Blut: Bei den schwersten Ausschreitungen seit Beginn der Parlamentswahlen vor knapp zwei Wochen sind nach Angaben von Ärzten und Sanitätern mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Über den ganzen Tag hinweg gingen Sicherheitskräfte und Demonstranten immer wieder aufeinander los.

Die Einsatztruppen setzen Augenzeugen zufolge Schlagstöcke und Elektroschocker gegen Protest-Teilnehmer ein, die Steine und Brandsätze warfen. Autos wurden in Brand gesetzt. Die Straßen rund um das Parlament glichen einer mit Steinen übersäten Kampfzone, über das dicke schwarze Rauchwolken hinweg zogen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 99 Menschen verletzt, fünf davon durch Schüsse. Laut Staatsfernsehen war die Zahl der Verletzten sogar noch höher.

Politiker verurteilen Vorgehen der Armee

Ausgangspunkt der Proteste war der Versuch der Militärpolizei, in der Nacht eine Sitzblockade vor dem Kabinettsgebäude aufzulösen. Aus Wut über das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte strömten bis zum frühen Nachmittag immer mehr Menschen ins Zentrum der ägyptischen Hauptstadt, bis die Truppen sich schließlich etwa Zehntausend Menschen gegenübersahen.

Sanitäter waren im Dauereinsatz, in sozialen Netzwerken war von Übergriffen auf bekannte Vertreter der Demokratiebewegung zu lesen. Politiker aller Parteien verurteilten das Vorgehen der Armee. So erklärte der Präsidentschaftskandidat und ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohamed ElBaradei, über Facebook: „Selbst wenn die Sitzblockade illegal gewesen sein mag, muss sie mit solcher Brutalität und Barbarei aufgelöst werden?“

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Chaos am Tahrir-Platz

In der Nähe des Tahrir-Platzes, wo einst Geschichte geschrieben wurde, herrschte Chaos: Steine flogen, Barrikaden brannten, schwarzer Rauch stieg auf. Das Gesundheitsministerium berichtete von Schussverletzungen, Knochenbrüchen und Prellungen. Augenzeugen erzählten, die Demonstranten, die schon seit drei Wochen vor dem Kabinettsgebäude kampieren, hätten Steine auf die Polizei geworfen, nachdem einer von ihnen von der Militärpolizei vorübergehend in Gewahrsam genommen worden sei.

Die Polizei habe daraufhin Wasserwerfer eingesetzt. Einige Polizisten hätten Steine zurückgeworfen und in die Luft geschossen. Drei Autos und mehrere Zelte der Protestierenden gingen in Flammen auf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Ausschreitungen hätten begonnen, nachdem Regierungsbeamte, die wegen des Dauerprotests seit Wochen nicht zu ihren Büros gelangen könnten, die Demonstranten mit Gegenständen beworfen hätten.

Übergangsregierung soll an Aufnahme der Arbeit gehindert werden

Die etwa 150 Mann starke Protestgruppe vor dem Kabinettsgebäude, zu der junge „Revolutionsaktivisten“ und eine Gruppe von Fußballfans gehören, will verhindern, dass die vom Militärrat eingesetzte Übergangsregierung von Ministerpräsident Kamal al-Gansuri dort ihre Arbeit aufnimmt. Am Freitag riefen sie: „Nieder mit der Militärherrschaft“. Al-Gansuri hat inzwischen ein Büro im Gebäude der staatlichen Planungsbehörde bezogen.

Der Oberste Militärrat hatte im vergangenen Februar nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak die Macht übernommen. In Ägypten wird in diesen Wochen ein neues Parlament gewählt, in dem wahrscheinlich die Muslimbruderschaft die größte Fraktion stellen wird. Die ersten Ergebnisse der zweiten Runde wurden am Freitag veröffentlicht.

Wie schon im ersten Wahlgang, so lagen auch diesmal die Muslimbrüder mit Abstand auf Platz eins, gefolgt von der radikal-islamischen Partei des Lichts. Ein weiterer Wahlgang in den restlichen Provinzen und zwei Stichwahlen stehen noch aus. Am 13. Jänner soll das endgültige Ergebnis des Votums veröffentlicht werden. Im vergangenen Monat waren bei Zusammenstößen von Demonstranten und der Polizei in Kairo mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen. (APA/Reuters/dpa)


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