Russlands Demonstranten schicken „eisigen Wind“ in den Kreml

Erneut wurde im Moskauer Zentrum gegen Wahlfälschungen demonstriert. „Die Kreml-Führung bekommt jetzt von uns ein Feedback, dass sie etwas falsch machen“, erklärt eine Demonstrantin.

Von Viola Bauer

Moskau –Es ist ein eisiger Wind, der die vielen Fahnen tanzen lässt. „Für faire Wahlen!“, „Freiheit“, ist der Menschenchor zu hören. Hunderte Russen sind der Initiative der liberalen Partei „Jabloko“ gefolgt und auf den Bolotnaja-Platz im Moskauer Stadtzentrum gekommen.

„Wir protestieren gegen die unfairen Wahlen. Es ist das Recht der Leute, der Macht ihre Meinung kundzutun“, sagt die Hausfrau Katerina. „Dieses Mal war es offensichtlich, dass die Wahlen (am 4. Dezember, Anm.) manipuliert wurden. Aber sie (die Kreml-Führung, Anm.) bekommen jetzt von uns ein Feedback, dass sie etwas falsch machen.“

Weiße Schleifen als Zeichen des friedlichen Protests

Fast alle Protestteilnehmer tragen weiße Schleifen. Schon beim Großprotest mit Zehntausenden Russen vergangenes Wochenende sie diese als Zeichen ihres friedlichen Protests getragen. Die Gruppe „Weißes Band“ möchte damit gegen „Lügen“ der Macht protestieren. „Wir sind viele! Hört auf uns!“ teilt sie auf ihrem Flyer mit. Regierungschef Wladimir Putin hatte dagegen über die weißen Bänder geätzt: sie erinnerten ihn an „Zeichen einer Anti-Aids-Kampagne“. Die Protestorganisatoren reagierten umgehend und originell: Mit den Worten „gegen politisches Aids“ waren nun einige weiße Bänder bedruckt.

Grinsend lässt sich ein junger Mann mit einem Kondom in der Hand von einem Freund fotografieren, ebenfalls um auf Putins Kritik kreativ zu reagieren. Stolz streckt eine Frau ihre Brust heraus, sie hat sich Ansteckfiguren, die die Kreml-Führung darstellen, gebastelt. Darunter die Aufschrift „Ich habe sie nicht gewählt!“ Hinter ihr wehen Fahnen der Gruppierungen „Demokratische Wahlen“, „Piratenpartei“, der Sozialisten und „Jabloko“. „Die Macht gehört unter die Kontrolle der Bevölkerung“, halten zwei Aktivisten ein Spruchband in die Höhe.

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„Wir haben leider keinen gemeinsamen Oppositionsführer, der gegen Putin im März (Präsidentenwahlen, Anm.) antreten könnte. Wir wollen nicht, dass unsere Stimmen sich (auf verschiedene Kandidaten, Anm.) aufspalten“, sagt die freie Journalistin Lisa. Den Oligarchen Michail Prochorow, der nun zur Präsidentenwahl gegen Putin antreten möchte, hält sie ebenfalls für einen Kandidaten des Kremls. „Ich stimme allem, was sie sagt, zu“, meint die Künstlerin Susanna, die neben ihr steht. In ihrer Hand ein grüner „Jabloko“-Luftballon: „Ich wurde betrogen. Neuauszählung!“ ist darauf zu lesen.

Die Redner auf der Bühne fordern faire Wahlen, Reformen, ein Ende der „Medienzensur“ und der Korruption und ein „Leben in Freiheit in Russland“. „Ich glaube ihnen nicht. Die glauben doch selbst nicht was sie sagen“, zeigt sich der Übersetzer Alexander hinsichtlich der Redner kritisch. Er will den Protest der Leute nicht von einzelnen Parteien vereinnahmt wissen. „Außerdem sind zu wenig Leute hier. Am 10. Dezember (Tag des Großprotests, Anm.) war es großartig. Vielleicht wird die Demonstration am 24. Dezember noch größer.“

Medieninteresse enorm

Groß ist jedenfalls jetzt schon unübersehbar eines: das Medieninteresse. Die staatliche Agentur RIA Novosti ist ebenso vertreten wie zahlreiche kleinere Medienunternehmen. Zahlenmäßig in der Überzahl sind allerdings die medienaffinen Demonstranten: Fast jeder Dritte trägt einen Fotoapparat oder eine Minikamera. Aber nicht alle wollen damit Politik machen. „Ich fotografiere einfach gerne“, meint eine Pensionistin.

Unberührt vom Geschehen sitzen dagegen einige Einsatzkräfte mit Teekannen in der Hand in Bussen in Warteposition. Dutzende Polizeiwagen sind ebenfalls positioniert, so wie Sicherheitsschranken, durch die jeder durch muss, der auf den Platz will. Die Polizisten scheinen jedoch die friedliche Stimmung der Demonstranten zu spiegeln und wirken entspannt.

Nicht ganz so entspannt könnte es dagegen im Kreml zugehen. Die Demonstranten haben den zwei Grad Kälte standgehalten, die Forderung nach Neuwahlen der Staatsduma, die Bildung neuer Wahlkommissionen und eine „strafrechtliche Verfolgung aller Fälscher“ hat sie zusammengeschweißt. Der Wind scheint nun eisig in den Kreml zu wehen.

Viola Bauer ist Korrespondentin der APA.


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