Schwere Zusammenstöße in Kairo: Schüsse auf Demonstranten

Die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Soldaten in der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben sich auch in der Nacht auf Sonntag fortgesetzt.

Kairo - Die ägyptische Hauptstadt Kairo kommt nicht zur Ruhe: Den dritten Tag in Folge lieferten sich Demonstranten gegen die Militärregierung und Sicherheitskräfte rund um den zentralen Tahrir-Platz am Sonntag Straßenschlachten. Seit Beginn der jüngsten Gewaltausbrüche am Freitag wurden nach amtlichen Angaben zehn Menschen bei den Zusammenstößen getötet und 441 verletzt.

Ban verurteilt „überzogene Gewalt“

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat das gewaltsame Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Hauptstadt Kairo scharf kritisiert. Ban sei „sehr besorgt über die Rückkehr der Gewalt“, sagte sein Sprecher Martin Nersirky am Sonntag in New York. Der Generalsekretär sei „alarmiert angesichts der überzogenen Gewalt, die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten anwenden, und ruft die Übergangsregierung auf, mit Zurückhaltung zu handeln und Menschenrechte zu wahren, einschließlich des Rechts auf friedlichen Protest“.

Ban verwies zudem auf die „Wichtigkeit einer Atmosphäre der Ruhe, um den Wahlprozess in Ägypten“ zu unterstützen, der Teil des Übergangs zur Demokratie und zur Errichtung einer zivilen Herrschaft sei.

Schwerste Ausschreitungen seit Beginn des Aufstsands

Kairo erlebt die schwersten Zusammenstöße seit dem Ausbruch des Volksaufstandes, der im Februar zum Sturz von Präsident Husni Mubarak führte. Sonntag früh rückten Militärpolizisten aus ihren Stellungen am Tahrir-Platz vor und gingen auf die Demonstranten los. Es sei wie in einem Katz-und-Maus-Spiel, berichtete der Demonstrant Mustafa Fahmi telefonisch vom Tahrir-Platz. Immer wieder rückten die Soldaten vor und zögen sich aber auch schnell wieder zurück.

Der Sender Al-Jazeera zeigte Bilder, auf denen ein Soldat zu sehen war, der mit gezogener Waffe offenbar auf sich zurückziehende Demonstranten schoss. In den frühen Morgenstunden zeigte der Video-Dienst der Nachrichtenagentur Reuters ähnliche Bilder.

Der von der Armee eingesetzte Ministerpräsident Kamal al-Gansuri machte hingegen Jugendliche für die Eskalation der Gewalt verantwortlich, die die ersten freien Parlamentswahlen überschattet. „Auf der Straße findet keine Revolution statt, sondern ein Angriff auf die Revolution“, sagte er.

Mindestens 300 Verletzte am Samstag

Am Vorabend hatten Soldaten in den Zufahrtsstraßen zum Platz Barrikaden aus Stacheldraht, Metallplatten und Betonklötzen errichtet und sich dahinter verschanzt, nachdem sie mit Steinen und Brandsätzen beworfen worden waren. Auf dem Platz harrten weiter Hunderte Demonstranten aus. In den frühen Morgenstunden hatten sich viele von ihnen zum Schutz vor der Kälte um Feuerstellen geschart, nachdem Soldaten am Vortag zahlreiche Zelte niedergebrannt hatten.

Am Samstag waren viele Demonstranten vor den Soldaten in Seitenstraßen des Platzes geflüchtet. Die Sicherheitskräfte schlugen auch weiter auf Menschen ein, die bereits am Boden lagen. Warnschüsse waren zu hören. Durch einen Brand eines Gebäudes nahe dem Tahrir-Platz wurde ein Archiv mit 200 Jahre alten Dokumenten zerstört.

Nach Berichten staatlicher Medien wurden mindestens 300 Verletzte in Krankenhäusern behandelt. Ministerpräsident al-Gansuri sagte, allein 30 Wachmänner des Parlaments seien verletzt worden. 18 Menschen hätten Schusswunden.

Anschlag auf Ölpipeline

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich besorgt über die andauernden Auseinandersetzungen. „Die Gewalt läuft Gefahr, den Geist des Umbruchs zu ersticken“, sagte Westerwelle am Sonntag nach Angaben des Außenamtes in Berlin. „Das Schicksal Ägyptens muss sich an der Wahlurne und durch demokratische Reformen entscheiden.“

In der Nähe der Küstenstadt al-Arish kam es unterdessen am Sonntag erneut zu einer Explosion an der Ölpipeline nach Israel und Jordanien. „Die Attacke wurde mit ferngesteuertem Sprengstoff bei unidentifizierten Angreifer mit vierrädrigen Fahrzeugen ausgeführt“, berichtete eine ungenannte Quelle gegenüber Reuters. Bei den Angriff soll niemand verletzt oder getötet worden sein. Es handelt sich um den zehnten Anschlag auf die Pipeline seit dem Umsturz in Ägypten im Frühjahr.

Seit dem Sturz Mubaraks regiert ein Militärrat. Die Demonstranten protestieren dagegen, dass der Übergang zu einer Zivilregierung ihrer Ansicht nach zu langsam verläuft. Noch bis Jänner finden die ersten freien Parlamentswahlen statt, die den Übergang ebnen sollen. Die aus den ersten Wahlrunden als stärkste Kraft hervorgegangene Muslimbruderschaft bezeichnete das Vorgehen der Soldaten als Verbrechen und verlangte vom Militär eine Entschuldigung. Der Militärrat äußerte in einer Erklärung sein Bedauern über die Vorfälle vom Freitag, entschuldigte sich aber nicht. (APA/Reuters/dpa)


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