Die letzten US-Kampftruppen haben den Irak verlassen

Nach fast neun Jahren sind die amerikanischen Soldaten abgezogen. Die USA planen finanzielle Hilfen für das Land.

Bagdad - Abschied im Morgengrauen: Fast neun Jahre nach Beginn des Irakkriegs haben die US-Kampftruppen das Land verlassen. Der letzte Truppenkonvoi überquerte am Sonntag die Grenze zum Nachbarland Kuwait, wie der US-Sender CNN live berichtete. Seit Kriegsbeginn 2003 wurden nach US-Angaben etwa 4500 US-Soldaten und mehr als 100.000 irakische Zivilisten getötet.

Schwere gepanzerte Fahrzeuge und Tieflader mit Panzern passierten die Grenzstation in der Wüste. Anschließend wurde das Grenztor geschlossen. Ein Armeesprecher bestätigte dem Sender, dass damit der Abzug der US-Soldaten rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest abgeschlossen sei.

Kriegseinatz beendet

Mit dem Abzug endet ein höchst umstrittener Kriegseinsatz. Die Irak-Mission war immer wieder von Skandalen überschattet, wie der Folteraffäre im Gefängnis von Abu Ghraib oder verbrecherischen Einsätzen des zivilen Sicherheitsdienstes Blackwater.

Als Begründung für den Einmarsch wurde die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in den Händen des später hingerichteten Diktators Saddam Hussein angeführt, die allerdings nie gefunden wurden. Der Kampfeinsatz war vom UN-Sicherheitsrat nicht legitimiert worden.

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Knapp ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl in den USA erfüllt Präsident Barack Obama damit eines seiner zentralen Versprechen. Die Sicherheitslage im Irak gilt hingegen weiterhin als äußerst instabil.

Abzug in aller Heimlichkeit

Laut CNN verließen mit dem letzten Konvoi aus 110 Fahrzeugen 500 Soldaten aus Ford Hood in Texas den Irak. Sie seien in der Nähe von Nassirija rund 300 Kilometer südlich von Bagdad stationiert gewesen. Zunächst würden die Soldaten im US-Feldlager Virginia in Kuwait untergebracht, bevor es mit dem Flugzeug in die Heimat gehe, hieß es.

Der Abzug verlief in aller Heimlichkeit. Aus Sorge vor Anschlägen seien die Iraker nicht über den Zeitpunkt informiert worden, berichtete die „New York Times“ am Sonntag. Viele US-Soldaten hätten nicht einmal die Möglichkeit gehabt, sich von ihren irakischen Bekannten zu verabschieden.

Zuletzt hielten sich noch knapp 6000 US-Soldaten im Irak auf. Auf dem Höhepunkt des Konflikts waren bis zu 171.000 Mann der Koalitionstruppen im Land stationiert. Der Termin steht offiziell bereits seit 2008 fest, im Sommer 2010 hatten die letzten US-Kampftruppen den Irak verlassen. Lediglich 157 US-Soldaten verbleiben zu Ausbildungszwecken in dem Land, eine Kontingent der Marine-Infanterie soll zudem zum Schutz der Botschaft in Bagdad verbleiben.

Einsatz soll 800 Milliarden Dollar gekostet haben

Der Irakkrieg hatte im März 2003 mit Luftschlägen auf Bagdad und andere Ziele begonnen. Später marschierten Truppen einer internationalen Koalition unter US-Führung in das Land ein und stürzten den Diktator Saddam Hussein. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen zwischen religiösen und ethnisches Gruppen. Für die Hochphase der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten in den Jahren 2006 und 2007 sprechen Beobachter auch von einem „irakischen Bürgerkrieg“.

Nach Angaben der US-Regierung waren mehr als 1,5 Millionen US-Soldaten - über die gesamte Zeit gesehen - im Irak im Einsatz. Mehr als 30.000 wurden verletzt. Laut dem Informations-Portal „Huffington Post“ kostete der Einsatz den USA 800 Milliarden US-Dollar (612 Mrd. Euro).

Neue Ära der Partnerschaft und Zusammenarbeit beschworen

US-Präsident Obama hatte am vergangenen Mittwoch bereits einen symbolischen Schlussstrich unter den Irakkrieg gezogen und den Truppen für ihren Einsatz gedankt. In seiner Rede vor hunderten Soldaten auf dem Heeresstützpunkt Fort Bragg im US-Staat North Carolina bezeichnete er das Kriegsende als „historischen Augenblick für unser Land und unser Militär“.

Zwei Tage zuvor hatte er mit dem irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki in Washington über das neue Verhältnis beider Länder nach Ende des Militäreinsatzes gesprochen. Dabei hatten beide den Beginn einer neuen Ära der Partnerschaft und Zusammenarbeit beschworen. Maliki wertete den Abzug der US-Truppen als Zeichen des Erfolges - im Gegensatz zu dem, was manche andere sagten. Die gesteckten Ziele seien erreicht, ein „demokratischer Prozess“ etabliert worden.

Die 900.000 Soldaten der irakischen Armee sind ab sofort allein für die Sicherheit im Land zuständig. Sie stehen vor Herausforderungen: Dazu zählen neben der anhaltenden Gefahr durch Aufständische das Wiedererstarken von Milizen sowie das erneute Aufflammen der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten.

Streit zwischen religionsgruppen verschärft

Am Wochenende verschärfte sich der politische Streit zwischen den Religionsgruppen. Das von den Sunniten unterstützte laizistische Irakija-Bündnis des früheren Regierungschefs Iyad Allawi beschloss am Samstag einen Boykott des Parlaments. „Wir können nicht länger über die Art und Weise schweigen, wie dieser Staat verwaltet wird,“ erklärte der zweitgrößte Block nach der Nationalen Allianz, dem schiitischen Bündnis des Ministerpräsident.

Der Irakiya-Block warf Maliki vor, „andere politische Parteien zu ignorieren und die Justiz zu politisieren“. Der Regierungschef handle im Alleingang und unter Missachtung der Gesetze, hieß es in der Erklärung. Vor den Häusern der Irakija-Anführer seien Panzer und andere Militärfahrzeuge stationiert worden. Irakiya kündigte an, ab sofort seine Mitarbeit im Parlament auszusetzen und verlangte die Einrichtung eines runden Tisches.

Maliki forderte das Parlament am Sonntag nach Angaben eines Beraters offiziell auf, seinem sunnitischen Stellvertreter Saleh Mutlak das Vertrauen zu entziehen. Dieser hatte Maliki zuvor in einem Fernsehinterview als „schlimmeren Diktator als Saddam Hussein“ bezeichnet. Mutlak sagte dem ihm gehörenden Sender Babelija, der frühere Machthaber sei ein „Erbauer“ gewesen, Maliki aber habe „absolut nichts“ getan. Sicherheitsbeamte teilten unterdessen mit, zwei Personenschützer des sunnitischen Vize-Präsidenten Tarik al-Hashemi seien in einen Anschlag auf das Parlament Ende November verwickelt gewesen. (APA/dpa/AFP/Reuters)


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