Vaclav Havel - „Dichterpräsident“ verstarb mit 75 Jahren

Der tschechische Politiker und Schriftsteller verstarb am Sonntagmorgen im Schlaf. Seit langem litt Havel unter schweren Amtemwegs-Erkrankungen.

Prag – Nur zwei Monate nach seinem 75. Geburtstag ist der frühere Dissident und ehemalige tschechische Staatspräsident Vaclav Havel am Sonntag früh im Schlaf gestorben. Seit mehreren Monaten war seine angeschlagene Gesundheit sichtbar. Nach einer neuerlichen Erkrankung der Atemwege Anfang 2011, mit denen der frühere Kettenraucher chronisch Probleme hatte, tauchte er nur mehr sehr selten in der Öffentlichkeit auf und beschränkte sein Arbeitsprogramm drastisch.

Beigesetzt wird Havel aller Voraussicht nach am Freitag, den 23. Dezember. Das bestätigte seine Sekretärin Sabina Tancevova am Sonntag im tschechischen Fernsehen. Havels Witwe Dagmar werde am Montag mit Staatspräsident Vaclav Klaus zusammentreffen, um den weiteren Ablauf zu besprechen. Der Termin könne sich deshalb noch ändern. Tancevova bedankte sich im Namen der Familienangehörigen für die vielen Kondolenzbekundungen.

Treffen mit Dalai Lama

Als Havel dem derzeitigen Staatspräsidenten Vaclav Klaus im Juni schriftlich zu seinem 70. Geburtstag gratulierte, schrieb er unter anderem: „Heuer möchte ich Dir besonders Gesundheit wünschen. Glaub‘ mir, ich weiß, wovon ich rede.“ 1996 hatten Havel die Ärzte einen bösartigen Tumor aus der Lunge entfernt.

Für einen Termin nahm sich Havel aber doch Zeit - für die Premiere seines Films „Abgang“ (auf Tschechisch „Odchazeni“), den er 2010 selbst als Regisseur, auf Basis seines gleichnamigen Theaterstücks in Szene setzte und sich damit einen alten Traum erfüllte. Die Kritiker warfen ihm zwar vor, das Theaterstück nicht an die Filmsprache angepasst zu haben, dies hielt ihn allerdings nicht von weiterer schöpferischer Arbeit ab.

Noch vor wenigen Tagen begrüßte er in Prag das Oberhaupt der Tibeter im Exil, den Dalai Lama. Dabei war Havel, der sich beim Gehen auf einen Stock stützte, sichtlich müde und abgemagert.

Ein weiteres Vorhaben schaffte Havel nicht mehr: „Schon ein bisschen im Kopf“ hatte er die Idee für sein nächstes Theaterstück, das er noch schreiben und damit seine Literatur-Karriere beenden wollte. Über den Inhalt wollte er zunächst nicht sprechen. Nur den Titel verriet er: „Sanatorium“. „Ich habe gern, wenn alles zusammen einen Sinn hat. Dem ‚Abgang‘ folgt nur noch das ‚Sanatorium‘“, sagte Havel.

Vom Staatsfeind zum Präsidenten

An der Spitze des tschechoslowakischen bzw. tschechischen Staates stand Havel in den Jahren 1989 bis 2003 - mit einer mehrmonatigen Pause 1992/1993, als der gemeinsame föderative Staat der Tschechen und Slowaken zerfiel. Damals betrachtete er den Untergang der Tschechoslowakei als eine persönliche Niederlage, weil er sich als Staatsoberhaupt sehr für die Aufrechterhaltung des 1918 von seinem Idol Tomas Garrigue Masaryk gegründeten Staates einsetzte. Später korrigierte Havel jedoch seine Auffassung im Bezug auf die Teilung der Föderation. „Wie bizarr es auch immer passierte, ist es doch gut, dass es passierte“, betonte er.

Auf die Prager Burg - den Sitz des Präsidenten - brachten Havel die Umbruchereignisse vom Herbst 1989. Noch im selben Jahr verbrachte er einige Monate im Gefängnis des kommunistischen Regimes. Im November 1989 wurde er zur Symbolfigur der „Samtenen Revolution“, die er unter seinem Motto „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass“ zu einem siegreichen Ende führte.

Gegen den Kommunismus kämpfte der am 5. Oktober 1936 in eine bekannte Prager Unternehmerfamilie hineingeborene Havel Jahrzehnte lang. Wegen seiner „bourgeoisen Herkunft und Gesinnung“ konnte er seine Studienpläne nicht verwirklichen, so dass er gezwungen war, eine Ausbildung als Chemielaborant zu beginnen. Sein ursprünglicher Wunsch, Geschichte und Philosophie zu studieren, scheiterte wiederholt an den ideologischen Hürden des Regimes.

„Charta 77“ brachte ihn mehrere Jahre ins Gefängnis

Mit seiner Selbstverwirklichung begann Havel Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre in den Prager Theatern, wo er zunächst als Bühnenarbeiter und später auch als Schauspielautor tätig war. Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 fiel er noch stärker in Ungnade. 1977 gehörte er zu den Gründern der Untergrundinitiative für Menschenrechte, „Charta 77“, was ihn später für mehrere Jahre ins Gefängnis brachte. Seine literarischen Aktivitäten setzte Havel trotz des Verbotes seiner Stücke und eines Lebens als Hilfsarbeiter und Dissident bis 1989 fort.

Im Jänner 1996 starb seine erste Ehefrau Olga, die ihn in den schweren Jahren der Aufenthalte in kommunistischen Gefängnissen moralisch gestützt hatte. Anfang 1997 heiratete er überraschend die populäre und um 17 Jahre jüngere Schauspielerin Dagmar Veskrnova. Das neue Lebensbündnis ermunterte ihn psychisch so weit, dass er mit Dagmar an ein Kind dachte. Dieser Wunsch blieb jedoch unerfüllt.

„Riesiger Verlust“

Der tschechische Premier Petr Necas bezeichnete den Tod Vaclav Havels als „riesigen Verlust“. Er sei „menschlich sehr getroffen“. Der Ex-Präsident habe ein großes Ansehen genossen und verdiene seitens des Staates die höchsten Ehren. Havel sei eine Symbolfigur dafür, „was hier 1989 passierte“. Er habe sehr viel für die Tschechische Republik, für deren Übergang zur Demokratie und für deren Eingliederung in die EU-Strukturen getan, so Necas.

Der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus würdigte seinen Amtsvorgänger Vaclav Havel als „einen unerschütterlichen Kämpfer gegen den kommunistischen Totalitarismus“ und „führende Person der Samtenen Revolution“ 1989 in der damaligen Tschechoslowakei. In einem Auftritt in der Prager Burg sagte Klaus, es sei Havel gewesen, der ihn im November 1989 in das oppositionelle Bürgerforum einlud, das eine entscheidende Rolle bei der Wende spielte. Die Persönlichkeit Havels, sein Name und sein Werk hätten auf bedeutende Weise dazu beigetragen, dass die Tschechische Republik schnell in die Gemeinschaft von freien und demokratischen Ländern eingegliedert worden sei, so Klaus. Der Staatschef erklärte, dass er für Sonntagnachmittag Regierungschef Petr Necas sowie die Chefs von beiden Parlamentskammern auf die Prager Burg eingeladen habe, um gemeinsam weitere notwendigen Schritte im Zusammenhang mit dem Havels Tod vorzubereiten. Ab morgigen Montag, 10.00 Uhr, werden auf der Prager Burg die Kondolenzbücher für die Öffentlichkeit ausgestellt.

„Er hat mich inspiriert“

US-Präsident Barack Obama hat die Verdienste tschechischen Ex-Präsidenten als „historisch“ gewürdigt. Trotz vieler Rückschläge habe Havel mit einem „Geist der Hoffnung“ gelebt, getragen von dem Leitgedanken, „für etwas zu arbeiten, weil es gut ist, nicht einfach, weil es die Chance auf Erfolg hat“, erklärte Obama. „Sein friedlicher Widerstand erschütterte die Grundfesten eines Imperiums, entblößte die Leere einer Ideologie der Unterdrückung und bewies, dass moralische Führungskraft mächtiger ist als jede Waffe.“ Havel habe die Bestrebungen nach Selbstbestimmung und Würde „eines halben Kontinents verkörpert, der vom Eisernen Vorhang abgeschnitten war“, hieß es in der schriftlichen Erklärung weiter. „Er hat dazu beigetragen, die Fluten der Geschichte zu entfesseln, die zu einem vereinten und demokratischen Europa führten... Wie Millionen rund um die Welt, bin ich von seinen Worten und seiner Führungskraft inspiriert worden.“

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel (75) in einem Kondolenzschreiben als „großen Europäer“ gewürdigt. „Sein Einsatz für Freiheit und Demokratie bleibt ebenso unvergessen wie seine große Menschlichkeit. Gerade auch wir Deutsche haben ihm viel zu verdanken“, schrieb Merkel nach Angaben des Bundespresseamtes an Havels Nachfolger Vaclav Klaus.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat den am Sonntag gestorbenen früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel als einen „Wegbereiter der europäischen Wiedervereinigung“ gewürdigt. „Ich verneige mich vor diesem großen Streiter für Demokratie und Freiheit“, erklärte Westerwelle am Sonntag in Berlin. „Wir trauern mit dem tschechischen Volk“. In der Mitteilung des Auswärtigen Amtes hieß es weiter: „Er war die Seele der Revolution in Tschechien. Ohne ihn und ohne seine mutigen Worte wäre der demokratische Aufbruch in Mittel- und Osteuropa undenkbar gewesen.“

„Symbolfigur für ein friedliches, demokratisches und geeintes Europa

Bundespräsident Heinz Fischer erklärte, mit dem Tod Vaclav Havels habe „der eindrucksvolle Lebensweg eines großen Europäers, Schriftstellers und Humanisten ein Ende gefunden, was tiefe Betroffenheit auslöst“. Der frühere tschechische Präsident „hat sich in der Diktatur als deren Gegner und in der Demokratie als deren Unterstützer bewährt. Er war Künstler und Politiker, Dissident und Staatsmann und hatte immer ein waches Gewissen. Jedes Gespräch mit Vaclav Havel war ein Vergnügen“, so Fischer in einer Aussendung. „Vaclav Havel ist in Österreich in höchstem Maße geschätzt und anerkannt worden. Ich drücke der Familie des Verstorbenen und der tschechischen Republik meine tief empfundene Anteilnahme zum Tod des ehemaligen Dissidenten und ehemaligen Staatspräsidenten Vaclav Havel aus“, sagte der Bundespräsident.

Bundeskanzler Werner Faymann (S) hat nach dem Tod von Vaclav Havel den Angehörigen, Freunden und Weggefährten des ehemaligen tschechischen Präsidenten seine Anteilnahme ausgedrückt. „Mit Vaclav Havel verlieren wir eine Symbolfigur für ein friedliches, demokratisches und geeintes Europa“, sagte Faymann am Sonntag laut einer Mitteilung des Bundeskanzleramtes. Für Faymann verstarb mit Havel eine der „wesentlichen politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit“. Er sei ein Wegbereiter und Vorkämpfer der Demokratisierung in Osteuropa und damit der politischen und wirtschaftlichen Integration des Kontinents gewesen. „Er war ein großer Europäer“, erklärte der Bundeskanzler. „Vaclav Havel hat sich auch von Verfolgung durch das kommunistische Regime nicht daran hindern lassen, für Werte wie Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte einzutreten.“

Außenminister Vizekanzler Michael Spindelegger (V) zeigte sich tief betroffen vom Ableben des ehemaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel. „Mit Vaclav Havel geht eine Galionsfigur der tschechischen und europäischen Demokratiebewegung von uns. Wir verlieren mit ihm einen großen Europäer und herausragenden Politiker. Er war gleichzeitig genuiner Mitteleuropäer und Weltbürger“, so Spindelegger in einer Aussendung. Spindelegger würdigt vor allem Havels Einsatz im Zuge der „samtenen Revolution“: „Vaclav Havel war Zeit seines Lebens eine moralische Autorität weit über die tschechischen Grenzen hinaus, die politischen Weitblick mit der Sensibilität des Künstlers verband. Durch seinen Einsatz und seine Courage hat er Tschechien aus dem Kommunismus und nach Europa geführt. Durch Vaclav Havel ist Tschechien innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem wichtigen und stimmgewaltigen Mitglied der europäischen Union geworden.“ Spindelegger verweist auch auf das künstlerische Schaffen von Havel: „Seine Texte waren kritisch und weltoffen. Durch diese Werke, für die er auch in Österreich ausgezeichnet wurde, bleibt uns sein Streben nach Freiheit und Demokratie erhalten.“

Die Chefs der österreichischen Oppositionsparteien haben sich am Sonntag betroffen über den Tod von Vaclav Havel gezeigt. Durch Verdienste von Persönlichkeiten wie ihm, dem ehemaligen Dissidenten, sei „dem Kommunismus in Europa ein Ende gesetzt“ worden, sagte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache laut Aussendung. Ihm sei es schließlich gelungen, den „Weg Tschechiens in das demokratische Europa zu ebenen“.

„Er war ein Kämpfer für die Freiheit und gegen die kommunistische Diktatur und ein großer Europäer“, sagte auch BZÖ-Chef Josef Bucher in einer Pressemitteilung. „Unser Mitgefühl gilt nun der Familie“.

Grünen-Chefin Eva Glawischnig lobte Havel als „beeindruckenden Kämpfer für Demokratie und Meinungsfreiheit“. Sein Kampf für Freiheit habe die „Vereinigung Europas ermöglicht“. Glawischnig sprach auch die Verdienste des tschechischen Ex-Präsidenten als Schriftsteller an. Ein Essay Havels trage den Titel „Versuch, in Wahrheit zu leben“, so Glawischnig: „Ihm ist das in jedem Fall gelungen.“ (APA/dpa)


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