„Washi“ wütete auf Philippinen: Verwüstung wie bei einem Tsunami

Das Grauen kam über Nacht: Wassermassen walzten sich am Samstag durch die Straßen der Küstenstädte auf Mindano. Hunderte Menschen wurden in den Tod gerissen.

Von Girlie Linao und Christiane Oelrich, dpa

Manila – Wer Glück hatte, wurde von dem Rauschen geweckt, mit dem die Wassermassen hereinbrachen. Aus dem Bett und rauf aufs Dach - nur, wer diesem Impuls folgte, hatte eine Chance bei den beispiellosen Sturzfluten, die in der Nacht auf Samstag durch die Küstenstädte Cagayan de Oro and Iligan auf den Philippinen donnerten. Die verheerende Bilanz von Tropensturm „Washi“: Hunderte Tote, Schneisen der Verwüstung, die Millionenbevölkerung von Mindanao im Schock. Wetterwarnungen hätten viele gerettet, klagen Überlebende.

Mit ihren toten Kindern ist Gemylyn Lopez in ein Auffanglager in einer Kirche in Iligan gekommen. Ihr Mann habe die Sechsjährige und ihren vierjährigen Bruder nicht halten können, als das Wasser ihn bei der Flucht aus dem Haus plötzlich von den Beinen riss, erzählt die 26-Jährige der Deutschen Presse-Agentur mit erstickter Stimme am Telefon. Wensito Pulusan (49) schaffte es mit seiner Frau und Tochter auf ein Dach. Die grausame Wucht des Wassers machte zwar auch dort nicht halt und riss den ganzen Dachstuhl ab, doch die Familie fand sich ein paar Kilometer weiter am Strand wieder - heil. „Der Herrgott hat uns überleben lassen“, sagt Pulusan.

Mehr als 30.000 Menschen in Notunterkünften

Mehr als 30.000 Menschen sind in Stadien und Schulen geflüchtet, die nun als Notaufnahmelager dienen. Kinder starren stumm ins Nichts, die Augen in blankem Entsetzen aufgerissen. Wer kann, geht zurück und schaut nach seinem Hab und Gut. Für viele ist das ein Horrortrip. „Es ist Brachland“, sagt Pulusan. „Hier steht nichts mehr. Die Fluten haben alles fortgerissen.“

Die Verwüstung in den beiden dicht besiedelten Städten mit mindestens 900.000 Einwohnern ist immens. Wie ein Tsunami müssen die Wellen in der „Stadt der goldenen Freundschaft“ (Cagayan de Oro) und der „Stadt der majestätischen Wasserfälle“ (Iligan) gewütet haben. Auch Dörfer in der Umgebung sind betroffen. In vielen Regionen steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. Große Muldenkipper sind wie Spielzeugautos durcheinandergewürfelt. Auf einer Luftaufnahme ragt die Kuppel einer Moschee aus verwüstetem Gelände. Das Wasser hat in den Säulengängen dicken Schlamm hinterlassen.

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Weit und breit kein lebender Mensch zu sehen

Das Wasser hat mehr als 100 Meter breite Schneisen durch das Stadtgebiet geschlagen und alles umgerissen, was im Wege stand. Überall liegen Haufen von Geröll. Dächer, Wände, entwurzelte Palmen, Lastwagen, Schränke - und an einer Stelle dazwischen zwei vom Wasser ganz wellig gewordene Fotos einer jungen Frau. Weit und breit ist kein lebender Mensch zu sehen.

Der Schock bei den Betroffenen sitzt tief. Mindanao, 800 Kilometer südlich der Hauptstadt Manila, ist die zweitgrößte der gut 7000 Inseln und wegen des muslimischen Separatistenkampfs und der dort wütenden Terrorgruppen und Kommunistenrebellen in den Schlagzeilen. Solche Naturkatastrophen indes sind unbekannt. Tropenstürme treffen die Philippinen jedes Jahr, aber viel weiter nördlich.

Keine wirklichen Warnungen

Unmut wird laut. Die Behörden hätten nicht richtig gewarnt, sagt Cagayan de Oros Bürgermeister Vincente Emano. „Wir wussten von dem Sturm, aber nicht, dass solche Überschwemmungen zu befürchten waren“, sagte er im Fernsehen. Warnungen gab es, sagt der Zivilschutzdirektor Benito Ramos. „Wir haben es aber wohl versäumt klar zu machen, dass die Menschen sich bei solchen Gefahrenlagen in Sicherheit bringen müssen“, räumt er ein.

„Keine Frage, wir wären vorher geflohen“, sagt die Mutter der beiden toten Kinder, Gemylyn Lopez. Auch die Familie Cabillo blieb in der Ortschaft Tambo in ihrem Haus. Als das Wasser kam und durch das Haus rauschte, war es zu spät. Seine Frau und drei Kinder seien von den Fluten fortgerissen worden, sagt Vater Bryan Cabillo der Zeitung „Inquirer“. Er habe versucht, sie zu retten, aber gegen die starke Strömung des Wassers keine Chance gehabt.


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