Straßenkämpfe, Tote und brennende Häuser: Kairo kommt nicht zur Ruhe

12 Tote und mehr als 700 Verletzte: Der Machtkampf zwischen „Revolutionären“ und Vertretern der alten Ordnung in Ägypten erreichte am Wochenende einen neuen Höhepunkt. UN und EU sind besorgt. Sie fordern ein Ende des gewaltsamen Vorgehens der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten.

Kairo - Steine flogen, Verwaltungsgebäude und Barrikaden brannten, schwarzer Rauch stieg auf: Bei den schwersten Unruhen in Ägypten seit Wochen sind am Wochenende in Kairo zwölf Menschen getötet und mehr als 700 verletzt worden. Trotz des rigorosen Vorgehens der Sicherheitskräfte haben sich die Demonstranten auch am Montag nicht aus der Kairoer Innenstadt vertreiben lassen. Bereits den vierten Tag in Folge flogen rund um den Tahrir-Platz Steine. Nach Angaben von Augenzeugen lieferte sich ein harter Kern von rund 400 Demonstranten Straßenschlachten mit der Ordnungspolizei.

Auch am Sonntag gingen Demonstranten und Sicherheitskräfte rund um den Tahrir-Platz aufeinander los. Die Proteste richten sich gegen die Militärführung, die nach dem Sturz von Hosni Mubarak im Februar die Macht übernommen hatte. Zu den Auseinandersetzungen am Sonntag kam es in einer Straße in der Nähe des Tahrir-Platzes, auf dem der Aufstand gegen den damaligen Staatschef Hosni Mubarak seinen Ausgang nahm. In der Straße Sheik Rehan befinden sich die Gebäude der Amerikanischen Universität in Kairo und eines Forschungszentrums, das im späten 18. Jahrhundert gegründet wurde. Das Zentrum wurde bei einem Brand auf dem Höhepunkt der Zusammenstöße am Samstag fast vollständig zerstört.

Die Demonstranten machten Soldaten für das Feuer verantwortlich und versuchten, wertvolle Bücher und Dokumente aus dem zweistöckigen Gebäude zu retten, das vom Einsturz bedroht ist. Die Soldaten errichteten am Sonntag eine Barrikade, um die Demonstranten aus der Sheik-Rehan-Straße fernzuhalten. Umliegende Straßen wurden ebenfalls abgeriegelt.

EU und UN rufen zum Ende der Gewalt auf

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat das gewaltsame Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten scharf kritisiert. Ban sei „sehr besorgt über die Rückkehr der Gewalt“, sagte sein Sprecher Martin Nersirky am Sonntag in New York. Der Generalsekretär sei „alarmiert angesichts der überzogenen Gewalt, die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten anwenden, und ruft die Übergangsregierung auf, mit Zurückhaltung zu handeln und Menschenrechte zu wahren, einschließlich des Rechts auf friedlichen Protest“.

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Ban verwies zudem auf die „Wichtigkeit einer Atmosphäre der Ruhe, um den Wahlprozess in Ägypten“ zu unterstützen, der Teil des Übergangs zur Demokratie und zur Errichtung einer zivilen Herrschaft sei.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hat Demonstranten und Sicherheitskräfte in Ägypten zu einem Ende der Gewalt aufgerufen. „Gesetz und Ordnung müssen unter Wahrung der Menschenrechte wiederhergestellt werden“, forderte Ashton laut einer am Sonntag in Brüssel verbreiteten Erklärung. Polizei und Militär müssten das Recht der Menschen auf friedliche Demonstration, Meinungs- und Versammlungsfreiheit respektieren. Ashton verlangte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle.

Tahrir-Platz gestürmt

Bereits am Samstag hatten hunderte ägyptische Soldaten den Tahrir-Platz gestürmt. Sie steckten die Zelte des Protestlagers in Brand und schlugen auf Demonstranten ein. Der private Fernsehsender CBC zeigte Aufnahmen, auf denen Soldaten zu sehen waren, die mit Stöcken auf zwei Demonstranten einschlugen. Wiederholt traten sie auf den Kopf eines Manns und ließen ihn schließlich auf dem Gehweg liegen.

Die Soldaten durchkämmten Gebäude rund um den Tahrir-Platz, konfiszierten die Ausrüstung von Fernsehteams und nahmen einige Journalisten kurzzeitig fest. Augenzeugenberichten zufolge stürmten die Soldaten zudem ein provisorisches Krankenhaus nahe einer Moschee am Tahrir-Platz. Sie hätten Medikamente und Geräte auf die Straße geworfen und die Demonstranten vom Platz gejagt, sagte Augenzeuge Islam Mohammed.

Demonstranten fordern Rückzug der Generäle aus der Politik

Die Demonstranten fordern, dass die Militärmachthaber die Macht unverzüglich an eine Zivilregierung abgeben. Bereits im November hatten Demonstranten wiederholt den Rückzug der Generäle aus der Politik verlangt. Bei mehrtägigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und meist jugendlichen Demonstranten waren damals über 40 Menschen ums Leben gekommen.

Der ägyptische Ministerpräsident Kamal al Gansuri verteidigte das Vorgehen der Sicherheitskräfte am Samstag. Es seien zwar Menschen erschossen worden, aber nicht von Polizisten oder Soldaten, sagte der Regierungschef. „Eine Gruppe kam von hinten und hat auf die Demonstranten geschossen“, sagte al Gansuri. Er erklärte, seine Regierung stehe für die „Rettung der Revolution“, während die Demonstranten vor dem Kabinettsgebäude gegen die Revolution seien. (dpa/dapd/TT.com)


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