Psychiatrie in Hall will NS-Opfern Gedenkort widmen

Wissenschafter arbeiteten Tiroler und Südtiroler Psychiatriegeschichte seit 1830 auf. Auch dunkle Kapitel wurden aufgearbeitet.

Innsbruck - Im Landeskrankenhaus in Hall in Tirol soll ein „Forschungs-, Lern- und Gedenkort“ über die Geschichte der seit 1830 dort bestehenden psychiatrischen Einrichtung und der Psychiatriegeschichte im historischen Raum Tirol – Südtirol entstehen.

Damit solle eine „nachhaltige Infrastruktur“ geschaffen werden, die sich unter anderem mit den im heurigen Jahr aus einem Gräberfeld exhumierten 228 Opfern eines möglichen NS-Euthanasieprogrammes befasse, erklärte Wolfgang Markl, kaufmännischer Direktor des Landeskrankenhauses am Montag bei einer Pressekonferenz in Innsbruck.

Man greife damit ein Konzept auf, das von Wissenschaftern der Universität Innsbruck im Rahmen eines dreijährigen sogenannten Interreg IV Projektes (Italien-Österreich) entwickelt wurde.

Von 1830 bis zur Gegenwart, diesen Bogen wollten die Wissenschaftler spannen und konnten dabei auf das komplette Archiv der Landeskrankenhaus Hall zurückgreifen. Enge Zusammenarbeit gab es dabei auch mit dem Südtiroler Landesarchiv. In mühevoller Kleinarbeit wurde dabei die wechselhafte Geschichte der Pyschiatrie in Tirol rekonstruiert, inklusive dunkler Kapitel in der NS-Zeit und darüber hinaus.

Der Weg ins „Deutsche Reich“

Im Zuge dessen habe man beispielsweise auch das „Herauspsychiatrisieren“ von erkrankten Kindern aus Südtiroler Familien und die darausfolgende „massenweise Umsiedelung“ nach Süddeutschland (v.a. Baden-Würtenberg) und Hall während der NS-Zeit erstmals aufarbeiten können, berichteten die Verantwortlichen. Während der sogenannten „Option“ wurden zwischen 1939 und 1940 700 Patienten nach Hall und Baden-Würtenberg überstellt. Der Weg ins „Deutsche Reich“ endete für viele im Tod oder in einer Anstalt, während die Familien vom Aufenthaltsort nichts mehr erfuhren.

Neben dem Konzept für den Gedenkort seien aus dem Interreg-Projekt eine bereits gestartete Wanderausstellung, ein Buch über die „Psychiatrischen Landschaften“ im historischen Tirol seit 1830, ein Lehr- und Lernfilm sowie ein Online Archiv und Themenportal hervorgegangen.

Historisches Archiv soll erweitert werden

„Der Gedenkort ist ein Meilenstein zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und zum transparenten Umgang mit der Vergangenheit“, meinte Markl. Dort wolle man unter anderem Ausstellungen organisieren und Führungen für Schulen durchführen. „Das bereits bestehende historische Archiv des Psychiatrischen Krankenhauses soll dabei erweitert werden und zudem neue Quellen wie etwa Zeitzeugeninterviews erschlossen werden“, ergänzte Michaela Ralser vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck.

Der Lern- und Gedenkort soll bis 2014 bzw. 2015 als zentraler Ort für die Aufarbeitung der Geschichte enstehen. (TT, APA)


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