Cognac, Kino und die Bombe - Tod eines gefährlichen Exzentrikers

Während die Bevölkerung Nordkoreas Hunger litt, steckte der Diktator Millionen in den Ausbau des Atomprogramms. Sich selbst gönnte er jeden erdenklichen Luxus.

Pjöngjang - Er war eines der letzten Relikte des Kalten Krieges, herrschte mit eiserner Hand über sein abgeschottetes, hungerndes Volk und machte den Rest der Welt mit seinem Atomwaffenprogramm nervös.

Wenig ist bekannt über den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il, dessen Tod am Montag mit zweitägiger Verzögerung gemeldet wurde. Umso größer sind die Geheimnisse um den exzentrisch wirkenden kleinen Mann im altmodischen Khaki-Blouson, der den Luxus und das Kino geliebt und persönlich Mordanschläge ausgeheckt haben soll.

Der frühere US-Präsident George W. Bush beschrieb ihn einmal als einen „gefährlichen Menschen“. Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright widersprach Berichten, Kim sei „sonderbar“: Sie habe ihn in Gesprächen als intelligent und gut unterrichtet erlebt.

17 Jahre lang hatte der „geliebte Führer“ die von seinem Vater Kim Il Sung begründete kommunistische Herrscherdynastie samt Personenkult fortgeführt. Im letzten Jahr zog er seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un als politischen Erben heran, der nun als „großer Nachfolger“ ausgerufen wurde.

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Kim Jong Il sei schon lange wegen Herz- und zerebrovaskulärer Leiden in Behandlung gewesen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur, die seinen Tod als Folge eines Herzanfalls mit 69 Jahren meldete. Kim, dem eine Vorliebe für Zigarren, Cognac und feine Küche nachgesagt wurde, soll bereits 2008 einen Schlaganfall erlitten haben. Auf offiziellen Aufnahmen von Besuchen in China und Russland sowie auf Inlandsreisen in jüngster Zeit wirkte er allerdings relativ kräftig.

Mythen und Morde

Nach offizieller Darstellung kam Kim am 16. Februar 1942 auf dem Berg Paektu zur Welt, einem koreanischen Nationalheiligtum; der Legende zufolge erschienen zu seiner Geburt ein doppelter Regenbogen und ein strahlender neuer Stern am Himmel.

Sowjetische Akten deuten indes darauf hin, dass er 1941 in Sibirien geboren wurde. Sein Vater hatte jahrelang von einem russischen Militärstützpunkt aus gegen die japanische Besatzung Koreas gekämpft, bevor er 1945 zurückkehrte und sich 1948 zum Staatsgründer aufschwang. Noch heute hängt sein Bild wie das des Sohnes in jedem Haus.

Mit 33 Jahren wurde der Absolvent der Kim-Il-Sung-Universität vom Vater zum späteren Nachfolger bestimmt. Schon bevor er das Ruder übernahm, gab es Hinweise darauf, dass der jüngere Kim einen mindestens genau so harten Kurs steuern würde wie der ältere.

Südkorea hält ihn für den Hintermann eines Bombenanschlags auf eine Regierungsdelegation in Birma 1983 mit 17 Toten. 1987 starben bei einem Anschlag auf ein Flugzeug der Korean Air alle 115 Menschen an Bord; nach Angaben des geständigen Bombenlegers, eines nordkoreanischen Agenten, kam der Befehl dazu von Kim.

Als Kim 1994 an die Macht kam, räumte er wie schon sein Vater dem Militär Priorität ein, selbst als das Volk unter einer langen Hungersnot litt, baute er die fünftgrößte Streitmacht der Welt und ließ an Atomwaffen arbeiten.

Der erste unterirdische Atomtest 2006 ließ die Welt aufhorchen, auf den zweiten 2009 reagierten die UN mit Sanktionen. Die beunruhigten Regionalmächte handelten ein Abkommen über Hilfslieferungen gegen Abrüstung aus, das Nordkorea 2007 unterzeichnete. Der Prozess ist allerdings ins Stocken geraten.

Hummer an Bord

Mit Sanktionen belegt und unfähig, das eigene Volk zu ernähren, braucht Nordkorea dringend Hilfe. Nach schweren Überschwemmungen in den 90er Jahren stieg die Zahl der Flüchtlinge dramatisch an. Viele berichteten von Hunger, politischer Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen, was Pjöngjang nachdrücklich bestritt. Kim machte gerne die USA und deren „Marionette“ Südkorea für die Probleme seines Landes verantwortlich.

Überläufer beschreiben ihn als eloquenten und ausdauernden Redner, vor allem vor den Streitkräften, seiner Machtbasis. Häufig besuchte er auch Fabriken und andere Einrichtungen, erst vorige Woche nach Medienberichten einen Supermarkt und ein Zentrum für Musik und Tanz.

Kim soll sich unter anderem für Basketball, Autos und ausländische Filme begeistern und angeblich selbst einige heimische Historienschinken produziert haben. Ein südkoreanischer Regisseur will gar mit seiner Frau, einer Schauspielerin, in den 70er Jahren auf Kims Geheiß nach Nordkorea verschleppt und jahrelang festgehalten worden sein, um für ihn Filme zu drehen.

Angeblich wegen Flugangst reiste Kim ausschließlich mit dem Zug. Das Wohlleben an Bord während seines Russland-Besuchs 2001 beschrieb der mitreisende russische Gesandte Konstantin Pulikowksi in einem Buch „Der Orient-Express“: Danach führte der Sonderzug einen reichen Vorrat an Kisten französischen Weins mit, und lebende Hummer wurden vorab zu den Haltebahnhöfen geliefert.

Ein Japaner, nach eigenem Bekunden jahrelang Kims Sushi-Koch, berichtete von einem Weinkeller mit 10.000 Flaschen. Neben Sushi habe Kim allwöchentlich auch Haifischflossensuppe gespeist, eine seltene Köstlichkeit. „Seine Bankette begannen häufig um Mitternacht und gingen bis zum Morgen. Das längste dauerte vier Tage.“

Kims Familienstand ist nicht genau bekannt. Er war mutmaßlich ein Mal verheiratet und hatte mindestens drei weitere Gefährtinnen. Er hatte mindestens drei Söhne mit zwei Frauen und eine Tochter mit einer dritten.

Der Älteste, der 38-jährige Kim Jong Nam, soll in Ungnade gefallen sein, weil er mit falschem Pass bei der Einreise nach Japan erwischt wurde, wo er nach eigenen Angaben das Disneyland in Tokio besuchen wollte. Die anderen Söhne Kim Jong Chol und Kim Jong Un sind in den Zwanzigern; ihre Mutter soll vor Jahren gestorben sein.

(Jean Lee und Rafael Wober sind Korrespondenten der AP)


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