„Es wird allen dramatisch schlechter gehen“

Ioan Holender spricht im Interview über die Kulture-Skandale des Jahres, Sparzwänge und die Wut, die er in sich spürt.

Wien – Er war viele Jahre einer der wichtigsten Männer im europäischen Opernbetrieb. Heute ist Ioan Holender nicht mehr ganz so mächtig, aber noch umtriebig wie eh und je - als Moderator und Gestalter einer Kultursendung auf Servus TV, als Berater internationaler Opernhäuser und als Universitätslehrer. Die APA traf den 76-Jährigen, dem trotz der Vorweihnachtszeit gar nicht friedlich zumute ist, zum Gespräch über Krisen, Skandale und die Wut im Bauch. Bewusst ausgespart wurde dabei das Haus, das er so lange leitete wie kein anderer: Dem amtierenden Staatsoperndirektor will Holender jeden Ratschlag des Vorgängers ersparen.

Herr Holender, das Kulturjahr 2011 war geprägt von Skandalen. Getroffen hat es auch zwei langjährige Leiter von Kunstinstitutionen, bei denen man den Eindruck gewonnen hat, dass sie schalten und walten konnten, wie sie wollten. Sie haben 19 Jahre lang die Wiener Staatsoper geleitet - trotzdem ist bisher nichts Vergleichbares über Ihre Amtszeit bekanntgeworden. Haben Sie es schlauer gemacht als andere, oder liegt es an Ihrer korrekten Amtsführung?

Ioan Holender: Ich habe die Staatsoper genauso geführt, wie es jeder zu tun hat, der fremde Gelder verwaltet. Wenn das Bewusstsein dafür überall vorhanden wäre, dass dieses Geld, das wir bekommen, nicht unseres ist, dann würde keiner überhaupt auf die Idee kommen, diese oder jene Taxirechnung einzureichen oder sich noch ganz anderes bezahlen zu lassen.

Was ist Ihre Meinung zu diesen Vorgängen?

Holender: Ich habe zu einzelnen Fällen keine Meinung. Ich muss auch keine haben. Eine Meinung müssen die Verantwortlichen haben. Aber es färbt leider auf alle ab. Es muss uns ja klar sein, dass wir bei welcher Kunst auch immer nur von einer kleinen Minorität sprechen, die sie konsumiert, und von einer Majorität, die das zahlt. Diese hegt daher schon von Haus aus einen gewissen Verdacht gegen jene, die dafür Geld kriegen. Umso größer muss unsere Verantwortung sein. Ist man sich dessen zu wenig bewusst, schadet das allen. Nicht nur in Zeiten wie diesen.

In Zeiten wie diesen muss überall gespart werden. Lässt sich da die Kultur ausnehmen?

Holender: Nein, das wäre absurd. Warum soll sich irgendein Gebiet da ausnehmen? Aber es geht nicht um sparen, sondern darum, wofür man nicht bereit ist, Geld auszugeben. Und darum, wofür man Geld ausgibt: Nehmen Sie zum Beispiel diesen unfassbaren Skandal in Schwechat. Was dort an Geldern verbraucht wurde! Das ist der miserabelste Flughafen Europas, nicht einmal in Tirana finden Sie so etwas, und ich weiß, wovon ich rede. Die Fahrt mit dem Bus und das Warten auf Ihren Koffer dauern so lange wie die meisten europäischen Binnenflüge. Oder die ÖBB. In welchem Zustand das alles ist! Auf der anderen Seite gibt es in den Spitälern, wie jetzt im AKH, Einsparungen zum Nachteil der Kranken - und vom Gesundheitsminister abwärts schaut jeder zu, als würde es ihn nichts angehen.

Spüren Sie auch schon den Wutbürger in sich?

Holender: Nein. Ich möchte jetzt nicht „androschieren“. Aber ich spüre die Wut, jawohl! Ich spüre sie auch bei den anderen. Etwa auch bei den Jungen. Ich habe einen Sohn, der auf die Universität geht, und weiß, wie schwer es wissensdurstigen und lernhungrigen jungen Menschen in Österreich gemacht wird. Das ist empörend! Und dabei lügt man dem Bürger auch noch ins Gesicht und sagt: Wir geben jedem, ob arm oder reich, die Möglichkeit zu studieren. In Wirklichkeit geben wir keinem die Möglichkeit zu studieren.

Was machen Sie mit dieser Wut?

Holender: Nichts. Ich erzähle sie Ihnen. Wir sind aber noch nicht in Syrien oder in Ägypten. Es herrscht noch die unzufriedene, aber stumme Lethargie. Aktiv und laut werden genau jene, die es nicht sein sollten: jene, die den Status quo erhalten wollen. Die Gewerkschaften etwa. Die Machthaber brauchen die Gewerkschaften. Es regiert die Devise: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Die Innenpolitik in Österreich ist nur auf eines bedacht: ihre Posten zu behalten. Es ist eine Zeit der persönlichkeitslosen und schwachen Menschen. Zufällig sehe ich neulich in der „ZiB2“ dieses Foto, das der „Corriere della Sera“ gebracht hat: Laut Bildtext zeigt es Angela Merkel, den neuen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti und einen seiner Mitarbeiter. Dieser Mitarbeiter ist unser Bundeskanzler Werner Faymann. Das ist leider typisch. Ich gebe dabei der speziellen Person gar keine Schuld. Jeder ist, wie er ist, und gibt, was er kann und hat. Nur: Die haben alle sehr wenig. Und die kleinen Tagessiege des einen über den anderen sind die Determinanten unserer Politik.

Wohin wird das führen? Kommt das dicke Ende noch?

Holender: Jeder Bürger dieses Landes hat rund 30.000 Euro Schulden, diese müssen bezahlt werden. Es wird allen dramatisch schlechter gehen. Nicht nur wegen der lähmenden österreichischen Politik, sondern durch die Entwicklung von Kapitalismus zum Imperialismus. Ich bin gelernter Marxist, ich weiß, was ich sage. Das war ja voraussehbar. Wenn einer immer mehr ausgibt, als er hat, und sich Gelder dafür ausborgt, die man ihm gerne gibt, weil man daran noch mehr verdienen kann, dann führt das entweder zu einem Krieg oder zu einem Kollaps. Wir sind da noch lange nicht am Ende. Die Leute sind heute unglücklich, weil sie nicht das Geld haben, auf den Malediven Ferien zu machen. Auf diesem Niveau leben wir heute! Die Katastrophe ist, dass es noch immer keinen Schnee gibt und man nicht täglich Hunderte, wenn nicht Tausende Euro ausgeben kann, um Ski zu fahren. Jeder glaubt heute, das Recht zu haben, das Beste vom Besten essen und sehen und hören zu dürfen. Hört man nicht die Netrebko, ist es schlecht und ungerecht - denn dann hört sie wer anderer und ich nicht. Der Höhepunkt einer Pressekonferenz der Salzburger Festspiele ist der Ball, den sie dort veranstalten wollen. Dafür wird die Festspielsaison verlängert. Wer wollte das? Wer hat das in Auftrag gegeben? Die Kulturpolitik? Der Steuerzahler? Der Konsument?

Was sagen Sie in dem Zusammenhang dazu, dass Alexander Pereira in seiner ersten Salzburger Saison gleich die drei vielleicht populärsten Werke der Opernliteratur („Carmen“, „La Boheme“, „Die Zauberflöte“, Anm.) angesetzt hat?

Holender: Passt zum Ball.

Sie sind im vergangenen Jahr selbst in den Kulturjournalismus gewechselt und gehen für den Sender Servus TV regelmäßig auf „kulTOUR“. Was haben Sie bei diesem Frontenwechsel gelernt?

Holender: Ich lerne in meinen alten Jahren sehr vieles über Dinge, über die ich bisher noch sehr wenig wusste. Ich weiß jetzt etwa, dass Breakdance eine Kunstgattung ist und nicht einfach eine Bodengymnastik oder etwas Zweitklassiges. Alles, was ich tue, ist nicht weniger spannend, als das, was ich tat - ob es mein Unterricht an den Universitäten in Wien und Krems ist, oder diese Kultursendungen, die ich wirklich gerne mache. In den nächsten Sendungen geht es u.a. um Brigitte Fassbaender, die nach 13 Jahren das Tiroler Landestheater verlässt, um die Europäische Kulturhauptstadt Marburg oder um Gustav Klimt. Ich bin kein großer Klimt-Connaisseur, mich interessiert er als Mensch. Warum wird ausgerechnet er, der von Kundigen ein mittelmäßiger Maler genannt wird, der populärste Künstler von allen und verdient das meiste von allen? Von Klimt habe ich etwa gelernt, wie super das ist, wenn man sehr viel Geld vom Ehemann dafür bekommt, dass man seine Frau malt und dabei auch noch ein Verhältnis mit ihr haben kann. Das hätte ich mir schon lange gewünscht... (lacht) Ich möchte auch furchtbar gerne eine Sendung über den größten Kultursponsor machen, den Österreich je hatte: Prinz Eugen.

Ihre Beratertätigkeiten für die MET und für die Opern von Tokio und Budapest laufen weiter?

Holender: Meine Tätigkeit in Budapest endet mit Jahresende. Für die Metropolitan in New York und für das Spring Festival in Tokio bleibe ich auch in den nächsten Jahren tätig, ebenso für das große internationale Musikfestival Enescu im Jahre 2013 in Bukarest. Dies alles neben meinen Tennismeisterschaften ist für einen Pensionisten, der ich bin, mehr als genug.

Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang, APA


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