„Schande über Ägypten“: Brutalität gegen Frauen sorgt für Empörung

Der Konflikt in Ägypten zwischen dem Sicherheitsapparat und der Protestbewegung dauert an. Für Empörung sorgte das Foto einer jungen verschleierten Frau, die am Wochenende von Militärpolizisten während der Auseinandersetzung mit Demonstranten geschlagen und zur Hälfte ausgezogen worden war. US-Außenministerin Hillary Clinton spricht von einer „systematischen Erniedrigung ägyptischer Frauen“.

Kairo - Kairo erlebt seit Freitag die schwersten Zusammenstöße seit dem Volksaufstand, der im Februar zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak führte. Ägyptische Sicherheitskräfte sind auch am Dienstag mit Schusswaffen, Schlagstöcken und Tränengas gegen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo vorgegangen. Hunderte Demonstranten widersetzten sich dem Versuch der Sicherheitskräften, den Platz zu räumen. Daraufhin fielen Schüsse. Ein Arzt teilte mit, ein 15-jähriger Demonstrant sei angeschossen worden und schwebe in Lebensgefahr.

Ein Aktivist berichtete: „Sie haben Jagd auf Demonstranten gemacht und alles verbrannt, was ihnen im Weg war - auch Medikamente und Decken“. Demonstranten hatten versucht, eine Mauer einzureißen, die das Parlament von dem Platz abschirmt. Ein Mitglied der Sicherheitskräfte beschuldigte Aktivisten, das Parlament zerstören zu wollen. Nach Angaben von Ärzten starben seit Freitag bisher 13 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die Demonstranten protestieren für einen schnelleren Übergang zu einer Zivilregierung.

Clinton „schockiert“ über Gewalt gegen Frauen

US-Außenministerin Hillary Clinton zeigte sich unterdessen „schockiert“ über die Gewalt gegen Frauen bei den Protesten in Ägypten. Die „systematische Erniedrigung ägyptischer Frauen“ entehre die Revolution, bringe „Schande über den Staat“ und sei „einem großen Volk nicht angemessen“, sagte Clinton in ungewöhnlich kritischen Worten am Montag (Ortszeit) in einer Rede an der Georgetown University in Washington.

Für Empörung hatte zuletzt ein Video im Internetportal YouTube gesorgt, in dem zu sehen ist, wie Soldaten eine verschleierte Frau schlagen, über den Boden schleifen und sie dabei bis auf den BH entblößen. Das Militär hatte den Vorfall eingeräumt. Auf anderen Bildern in sozialen Netzwerken im Internet war beispielsweise zu sehen, wie ein Militärpolizist eine weinende ältere Frau mit einem Schlagstock bedroht.

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Clinton sprach von einem „entsetzlichen Missbrauch“. „Journalistinnen wurden sexuell belästigt, und jetzt werden Frauen angegriffen und geschlagen.“ Obwohl sich die Frauen genauso in der Revolution engagiert hätten wie Männer, würden sie nun von der Macht ausgeschlossen und zudem noch erniedrigt. Es handle sich um „kriminelles“ Verhalten, das in Ägypten thematisiert werden müsse, sagte Clinton.

Sicherheitskräfte haben im Verlauf des Jahres „nichts gelernt“

Auch UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay hat die „brutale Unterdrückung“ der Demonstranten in Ägypten verurteilt. „Die Bilder von Demonstranten, darunter auch Frauen, die brutal geschlagen und angegriffen werden, sind zutiefst schockierend“, erklärte sie am Montag.

Zu sehen seien „bewegungslos auf dem Boden liegende Menschen, die am Kopf und am Körper mit Stöcken geschlagen werden“. Das seien „unmenschliche Handlungen, die nicht mit der Wiederherstellung von Sicherheit oder der Kontrolle über die Menge gerechtfertigt werden können“, erläuterte Pillay.

Es scheine, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte im Verlauf des Jahres „nichts gelernt“ hätten. Solche Handlungen würden „Wut und Proteste“ hervorrufen und „eine Lösung für politische, soziale und wirtschaftliche Probleme Ägyptens erschweren“.

Islamisten halten sich heraus

Die Islamisten, die während der Massenproteste gegen Präsident Hosni Mubarak Anfang des Jahres noch mit linken und liberalen Regimegegnern zusammen demonstriert hatten, beteiligen sich nicht an der aktuellen Protestwelle.

Diese richtet sich gegen den Obersten Militärrat, der die Macht von Mubarak übernommen hatte, und gegen die von den Militärs eingesetzte Übergangsregierung. Die Islamisten wollen auf keinen Fall, dass die Parlamentswahl durch die seit Tagen andauernden Straßenschlachten behindert wird. Die Muslimbruderschaft, deren Partei für Freiheit und Gerechtigkeit in den ersten beiden Etappen der Wahl jeweils die meisten Stimmen erhalten hatte, erklärte: „Bei der Übergabe der Macht an eine zivile Regierung und bei der Wahl darf es keine Verzögerung geben.“

Außerdem sagte ein Sprecher der Bewegung nach Angaben des Nachrichtenportals „Al-Shorouk“, es müsse geklärt werden, wer in den vergangenen Tagen auf die Demonstranten geschossen habe. Die dritte und letzte Etappe der Wahl soll am 3. Januar beginnen.

In der ersten und zweiten Etappe der Parlamentswahl, die am 28. November begonnen hatte und bis zum 10. Januar andauern wird, liegt die Partei der Muslimbrüder auf Platz eins. Sie bezeichnet sich selbst als „moderat-islamisch“. Dahinter folgen die radikalen Islamisten der Partei des Lichts. Die Stichwahl der zweiten Etappe beginnt am Mittwoch. (dpa, dapd, Reuters, AFP)


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