Hoffnung auf Strategie gegen MS-Komplikationen

Verhinderung von Gedächtnisstörungen durch entzündungshemmende Therapie?

Wien/Boston - Ein theoretischer Hoffnungsschimmer: Eine an zahlreichen Zentren abgelaufene Studie unter Mitwirkung der MedUni Wien hat jetzt erstmals gezeigt, dass bei Multipler Sklerose (MS) Entzündungen bereits in frühem Stadium zu Schädigungen in der Hirnrinde führen. Das könnte eventuell Möglichkeiten für eine prophylaktische Therapie eröffnen, teilte die MedUni Wien am Dienstag mit.

Bisher war man der Ansicht, dass neurodegenerative und daher derzeit nicht behandelbare Ursachen in einem späteren Stadium der Erkrankung für solche Komplikationen verantwortlich seien und diese Schäden sozusagen als Sekundärphänomen auftreten. „Diese Erkenntnis gibt uns die Hoffnung, dass es gelingt, die durch die Kortexschädigung (Schädigung der Großhirnrinde, Anm.) auftretenden Probleme wie Gedächtnisstörungen auch durch entzündungshemmende Therapien eindämmt werden können“, sagte Hans Lassmann von der Abteilung für Neuroimmunologie an der MedUni Wien.

Kommunikation zwischen Gehirn und Körper gestört

Was genau die Multiple Sklerose (MS) verursacht, ist nicht bekannt. Es wird angenommen, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der das menschliche Immunsystem sein eigenes Myelin attackiert und zerstört. Myelin ist eine fettreiche Biomembran, die den Fortsatz einer Nervenzelle umgibt und schützt. Ist das Myelin kaputt, ist die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper gestört und führt zu Symptomen der Multiplen Sklerose wie Erblindung, Taubheit oder Gedächtnisstörungen. In Österreich gibt es rund 8.000 MS-Patienten.

Behandelt wird die Multiple Sklerose mit anti-entzündlichen Therapien, die vorwiegend im peripheren Immunsystem und nur bedingt im Gehirn wirken. Dazu gehören auch Beta-Interferon, Glatirameracetat, monoklonale Antikörper und immunsuppressive Mittel. Lassmann: „Das Resultat der Studie, bei der hunderte Gehirn-Biopsien untersucht wurden, könnte der Anstoß für weitere Forschungen sein, um die Therapien dahingehend weiterzuentwickeln. Wir haben eine Menge Türen geöffnet, um neue Fragestellungen in der Behandlung von Multipler Sklerose anzugehen.“ Die wissenschaftliche Untersuchung ist am 8. Dezember im „New England Journal of Medicine“ erschienen.

Man könne demnach davon ausgehen, dass es sich bei MS um eine entzündliche und nicht um eine neurodegenerative Erkrankung wie etwa die Alzheimer-Demenz handle, betonte die Erstautorin, Claudia Lucchinetti von der Mayo Clinic in Rochester (USA). Die Neurologin Lucchinetti war früher Schülerin von Lassmann an der MedUni Wien. Aus dieser Zusammenarbeit resultierte später jene Kooperation zwischen den beiden Universitätskliniken, der nun auch diese Studie entsprang. Auch deutsche Experten waren an der Untersuchung beteiligt. (APA)


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