Lage eskaliert nach US-Abzug: Mehr als 70 Tote bei Anschlagsserie

Eine Bombenserie hat am Donnerstag Bagdad erschüttert. Mindestens 70 Menschen kamen dabei ums Leben, 180 wurden verletzt. Hintergrund ist eine schwere innenpolitische Krise, die das Land nach dem Abzug der US-Truppen ins Chaos zu stürzen droht.

Bagdad – Bei der schwersten Anschlagsserie im Irak seit Monaten haben Terroristen in der Hauptstadt Bagdad mehr als 70 Menschen getötet. Die Bomben explodierten am Donnerstag in Stadtvierteln, in denen Schiiten, Sunniten und auch Christen leben. Zudem erlitten mehr als 180 Menschen Verletzungen, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Parlamentspräsident Osama al-Nujaifi berief eine Krisensitzung des Parlaments ein für Freitag ein.

Zwei Sprengsätze detonierten nach Angaben aus Sicherheitskreisen in der Nähe eines Kinos. Insgesamt sollen mehr als zehn Explosionsorte gezählt worden sein. Augenzeugen berichteten von aufsteigenden Rauchsäulen in mehreren Stadtvierteln.

Im wohlhabenden Karrada-Viertel in der Bagdader Innenstadt explodierten gleichzeitig eine Autobombe und der Sprengstoffgürtel eines Selbstmordattentäters. Auch in den Stadtvierteln Al-Wasirija, Al-Schaab und Al-Alwija detonierten Sprengsätze. Nach ersten Erkenntnissen richtete sich die Gewalt nicht gezielt gegen eine einzelne Religionsgruppe.

Verbitterter Kampf zwischen Religionsgruppen

Kurz nach dem Abzug der letzten US-Kampftruppen handelte es sich um die erste Serie offenbar koordinierter Anschläge, nachdem zuletzt die Spannungen zwischen den verschiedenen Religionsgruppen wieder aufgebrochen waren. Fast neun Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins buhlen in dem tief gespaltenen Land Schiiten und Sunniten erbittert um die Macht.

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Erst vergangene Woche hatte US-Präsident Barack Obama die Fortschritte beim Friedensprozess des Landes gelobt. „In einer Region die einst das Herz der Unsicherheit war, brachte eine Kombination aus Kämpfen und Training, Politik und Partnerschaft das Versprechen auf Frieden“, sagte er in seiner Rede an Soldaten, die im Irak gedient hatten. In Wahrheit ist das kriegsgebeutelte Land von einem friedlichen Miteinander aber noch sehr weit entfernt.

Haftbefehl gegen Vizepräsidenten

Denn der Irak durchlebt derzeit eine massive innenpolitische Krise. Zuletzt hatte der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki mit der Entlassung aller sunnitischen Minister aus seiner Regierung gedroht, weil diese die Kabinettssitzungen boykottierten. Zuvor hatte die Justiz des Landes wegen Terrorvorwürfen Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tarek al-Hashemi erlassen. Dieser soll sich in die halbautonome Region Kurdistan abgesetzt haben.

Regierungschef Maliki verlangt nun von den ebenfalls an der Regierung beteiligten Kurden, al-Hashemi, dem die Zusammenarbeit mit Todesschwadronen vorgeworfen wird, auszuliefern. Er sicherte Al-Hashemi einen fairen Prozess zu. Dieser weist jedoch die Vorwürfe zurück.

Fragile Machtaufteilung in Gefahr

Die fragile Machtaufteilung ist durch den innenpolitischen Streit stark gefährdet. Derzeit sieht die Regelung vor, dass der schiitische Ministerpräsident einen sunnitischen und einen kurdischen Stellvertreter hat. Dem kurdischen Präsidenten des Irak stehen wiederum je ein schiitischer und ein sunnitischer Vize zur Seite. Die Sunniten stellen den Parlamentspräsidenten – mit einem schiitischen und einem kurdischen Stellvertreter.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hatte sich bereits vor den Explosionen „äußerst besorgt“ über den Machtkampf im Irak gezeigt. Sie sehe die Berichte über die „innenpolitischen Entwicklungen im Irak“ mit großer Sorge, erklärte Ashton am Mittwoch in Brüssel. Die Regierung in Bagdad und alle politischen Gruppen müssten in einen Dialog eintreten, um ihre Differenzen beizulegen. (TT.com, APA/Reuters/AFP/dpa)


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