Wie geht es mit Nordkorea weiter?

Der Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il und die neuen Machtverhältnisse in Pjöngjang mit dessen Sohn Kim Jong-un als Zentralfigur haben die Analysten mit Zukunftsprognosen über das abgeschottete Land auf den Plan gerufen. Im Folgenden sind einige Expertenmeinungen zusammengefasst:

Pjöngjang, Wien – „Wir gehen alle davon aus, dass Nordkorea zunächst für eine gewisse Zeit stabil bleiben wird. Das ist eine Frage des Überlebens für den Nachfolger von Kim Jong-il, Kim Jong-un, dass er zunächst einmal demonstriert, dass er das Erbe seines Vaters wahrnimmt. Mittel- und langfristig ist allerdings durchaus anzunehmen, dass es Veränderungen gibt - hoffentlich in Richtung von mehr wirtschaftlicher Öffnung und Reform nach chinesischem Vorbild. (...) Die Partei scheint jetzt doch relativ geschlossen hinter Kim Jong-un zu stehen.“ Die internationale Gemeinschaft versuche die Verhältnisse zu stabilisieren, um den Nicht-Einsatz einer nordkoreanischen Atomwaffe zu garantieren. Die Chancen für eine wirkliche Opposition in Nordkorea seien „eher gering“. (Rüdiger Frank, Ostasien-Wissenschafter an der Universität Wien)

„Wir treten in eine Periode ein, die besonders gefährlich ist. Wir haben einen jungen Führer, dem das Militär möglicherweise misstraut, und er muss sich beweisen. Das kann zu Fehleinschätzungen und einem unbeabsichtigten Krieg führen.“ (Jim Walsh, Professor am Programm für Sicherheitsstudien am Massachusetts Institute of Technology)

Dass keine ausländischen Gäste zu den Trauerfeiern für Kim Jong-il eingeladen wurden, „bestätigt meinen Verdacht, dass das Regime sich für einige Zeit mit sich selbst beschäftigt sein wird. Sie werden herumbugsieren, um eine Positionierung zu finden. Ich erwarte weder, dass sie losschlagen, noch, dass sie die Hand ausstrecken.“ (Peter Beck, US-Studienzentrum Council on Foreign Relations)

„Bisher sieht es so aus, als ob es viele Bemühungen gibt, einen Begriff von Kontinuität zu verstehen zu geben, und dass es einen kollektiven Prozess gibt, der funktioniert. Was wir nicht wissen, ist, was sich hinter den Szenen abspielt und ob der Prozess ohne Kim Jong-il weiterbestehen kann, denn er war der Leim, der das System zusammengehalten hat in den letzten 15 Jahren. (...) Ich erwarte mir eine Drehung nach innen und einen Schwerpunkt, die Dinge in Pjöngjang zu ordnen, bevor sich die Dinge weiterentwickeln. Kim Jong-il hatte ja schon (nach dem Tod seines Vaters, das Staatsgründers Kim Il-sung; Anm.) eine dreijährige Trauerzeit eingehalten, in der er keine öffentlichen Funktionen wahrnahm (...), obwohl jeder wusste, dass er der Nachfolger war.“ (Scott Snyder, Korea-Experte am Council on Foreign Relations)

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„Mit dem Übergang der Macht in Nordkorea auf Kim Jong-un und die Generäle sollten diese Verhandlungen (kolportierte Geheimverhandlungen der USA mit Nordkorea über Hungerhilfe im Gegenzug für Zusicherungen hinsichtlich des nordkoreanischen Atomprogramms; Anm.) gestoppt werden. (...) Das einzige, was die Interessen der USA und ihrer Verbündeten sichert, ist ein Regimewechsel in Pjöngjang. Leider wollten dieses Faktum mehrere (US)-Regierungen nicht klar aussprechen (...). Aber der Tod von Kim Jong-il und die dadurch ausgelöste Unsicherheit über die Zukunft Nordkoreas bietet vielleicht die beste Gelegenheit seit Jahrzehnten, das Problem anzugehen. Jedes wirtschaftliche und diplomatische Werkzeug im US-Arsenal sollte unverzüglich gegen das Regime angewendet werden. (...) ‚Stabilität‘ zu suchen ist die falsche Herangehensweise. Die Instabilität in Nordkorea zu fördern ist der einzige Weg, eine bessere Zukunft für die Nordkoreaner und für amerikanische Interessen zu sichern.“ (Jamie Fly, Direktor des neo-konservativen US-Think Tanks Foreign Policy Initiative)

„Wenn China eine Ratingagentur wäre, würden sie es als ihre Pflicht betrachten, dass Kim Jong-un AAA-Status hat. Wahrscheinlich werden sie mehr politisches und wirtschaftliches Kapital bieten, um der nächsten nordkoreanischen Regierung mehr Legitimität zu geben.“ Die Zwei-Schienen-Wirtschaft aus der von der Parteielite und der Armee kontrollierten Zentralwirtschaft und der Subsistenzwirtschaft der meisten Nordkoreaner, die vom eigenen Anbau leben und Eigenproduktion, die sie auf eigentlich illegalen informellen Märkten verkaufen, habe sich gefestigt, weil die beiden Gruppen Einfluss aufeinander ausübten. „Niederrangige Funktionäre können ihre Rationen auf dem allgemeinen Markt verkaufen. Und die, die auf den informellen Märkten reicher werden, können Funktionäre bestechen.“ (John Park, Nordasien-Spezialist am US Institute for Peace) (APA)


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