Gewaltmensch zwischen Größenwahn und eisernem Kalkül

Am 30. Dezember 2006 wurde der langjährige irakische Diktator Saddam Hussein gehängt. Während seiner Gewaltherrschaft wurde jeder der sich ihm nicht unterordnete aus dem Weg geräumt.

Bagdad – Während mit Jahresende der US-Einsatz im Irak offiziell zu Ende geht, jährt sich die Hinrichtung des langjährigen Diktators Saddam Hussein zum fünften Mal.

Fast ein Vierteljahrhundert lang herrschte Hussein mit eiserner Brutalität in dem Golfstaat, bevor er im Frühjahr 2003 durch die US-Invasion gestürzt wurde. Im Dezember desselben Jahres wurde in einem Erdloch nahe seiner Heimatstadt ausfindig gemacht. Drei Jahre später, am 30. Dezember 2006, starb Saddam Hussein am Galgen. Ein irakisches Sondergericht hatte ihn zuvor wegen eines Massakers an Schiiten im Jahr 1982 zum Tode verurteilt.

Zehntausende bei „Säuberungen“ getötet

Begonnen hatte Saddams Gewaltherrschaft 1968 mit dem Putsch seiner Baath-Partei, der ihn in den folgenden Jahren an die Spitze von Staat, Partei und Armee brachte, an der er sich durch blutige „Säuberungen“ unter seinen politischen Widersachern etablierte. Zehntausende starben bei den gnadenlosen Verfolgungskampagnen des sunnitischen Herrschers gegen Kurden und Schiiten.

Saddam Hussein hat sich in den mehr als zwei Jahrzehnten seiner Herrschaft im Irak den Ruf eines rücksichtslosen Gewaltmenschen erworben, der keine Freunde hatte. Beobachter attestierten dem Ex-Machthaber einen Hang zum Größenwahn und den brennenden Wunsch, als bedeutender Führer in die Geschichte einzugehen. Sein übergroßes Ego und das, was er für seine „Ehre“ hielt, war ihm dabei wichtiger als das Wohlergehen seiner Landsleute, die er mit öffentlich zur Schau gestellter Grausamkeit in Schach hielt.

„Papa Saddam sieht alles“

Aus Angst vor Attentaten legte sich Saddam Hussein im Laufe seiner Amtszeit Doppelgänger zu, die ihn bei öffentlichen Auftritten vertreten mussten. Der Personenkult um ihn nahm immer groteskere Züge an. Sein idealisiertes Porträt durfte vor keinem öffentlichen Gebäude fehlen. Staatskünstler sorgten für ständigen Nachschub an Saddam-Büsten, Statuen und Lobesliedern.

Die Menschen im Irak zitterten so sehr vor ihrem „Führer“ und hatten den staatlich verordneten Saddam-Kult so verinnerlicht, dass sie zum Teil sogar dann vor seinem Bild salutierten, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. „Papa Saddam sieht alles“, wurde den Kindern schon in der Schule beigebracht.

Erster Mord als Teenager

Geboren wurde Saddam am 28. April 1937 in einem Dorf nahe der Stadt Tikrit. In seiner Jugend soll der Bauernsohn viel Prügel bezogen haben und wurde schon als Schüler Mitglied der damals noch illegalen sozialistischen Baath-Partei. Bereits als Teenager soll er seinen ersten Auftragsmord begangen haben.

Mit der Machtübernahme der Baath-Partei in den 60er Jahren begann auch der Aufstieg von Saddam Hussein, der Gegner mit gnadenloser Härte aus dem Weg räumte und gelegentlich wegen des bloßen Verdachts der Illoyalität die Exekution eines Parteigenossen anordnete. Zunächst pflegte er noch gute Beziehungen zur Sowjetunion, die auch wesentlich zur Aufrüstung des Irak beitrug.

USA vom Verbündeten zum Feind

Im Laufe des Irak-Iran-Krieges (1980-88) suchte er jedoch zunehmend die Nähe Washingtons. Mit Hilfe der arabischen Öl-Monarchien und des US-Geheimdienstes, der dem Irak Satellitenbilder von iranischen Stellungen zur Verfügung stellte, gelang es Saddam letztlich, die Niederlage abzuwenden. Auf beiden Seiten gab es Hunderttausende Tote.

Doch nach der irakischen Invasion in Kuwait 1990 wendete sich das Blatt. Die westliche Welt, die in den 80er Jahren gegen die Giftgasangriffe auf die Kurden in der nordirakischen Stadt Halabja nur schwach protestiert hatte, erklärte ihn zum „Irren von Bagdad“ und vertrieben seine Truppen 1991 aus Kuwait.

Machtfestigung in den 90ern

Doch bis Bagdad stießen die Alliierten nicht vor. Stattdessen sahen sie zu, wie Saddam einen Aufstand der Schiiten und Kurden niederschlug. Die nach seinem Sturz im Irak entdeckten Massengräber, in den auch die Leichen von Frauen und Kindern gefunden wurden, zeigen auf grausame Art und Weise, wie hoch der Preis war, den die Aufständischen bezahlten. In den 90er Jahren konnte Saddam Hussein, dessen Volk unter dem UN-Embargo verarmte, seine Macht im Inneren festigen.

Mit einem ausgeklügelten Spitzelwesen und mehreren Geheimdiensten, die das Militär überwachten und sich gegenseitig ausforschten, hielt er die Iraker im eisernen Griff. Angesichts des US-Truppenaufmarschs am Golf entschloss er sich im Herbst 2002, die UNO-Waffeninspektore wieder ins Land zu lassen. Als er merkte, dass dies einen amerikanisch-britischen Angriff zum Sturz seines Regimes nicht verhindern würde, forderte er Armee und Milizen zum „Heiligen Krieg“ gegen die Amerikaner auf.

Festnahme und umstrittener Prozess

Am 7. April 2003, zwei Tage bevor die US-Marineinfanterie Bagdad endgültig einnahm, zeigte das irakische Staatsfernsehen Saddam Hussein das letzte Mal mit seinen engsten Militärberatern. Während jubelnde Iraker im ganzen Land seine Statuen vom Sockel stürzten und seine Porträts zerstörten, tauchte der Diktator unter. Acht Monate später, am 13. Dezember 2003, fanden ihn US-Soldaten im Dezember desselben Jahres nach eigenen Angaben in einem Erdloch nahe seiner Heimatstadt Tikrit. Er ergab sich widerstandslos. Die Aufnahmen eines verwirrt wirkenden alten Mannes mit verfilztem Haar und struppigem Bart gingen um die Welt.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Saddam in einem US-Gefängnis nahe dem Flughafen von Bagdad. Während des rund einjährigen, international umstrittenen Prozesses um die Ermordung schiitischer Dorfbewohner provozierte er immer wieder Unterbrechungen und nutzte den Gerichtssaal als Tribüne für seine Auftritte - stellenweise geriet das Verfahren zur Farce. Doch gegen die Aussagen zahlreicher Zeugen, die die grausigen Details seiner Herrschaft öffentlich machten, hatte er keine Chance: Am 5. November 2006 wurde er zum Tod durch den Strang verurteilt.

Handy-Videos von der Hinrichtung

Am 30. Dezember 2006 wurde Saddam Hussein gehängt. Für einen weltweiten Skandal sorgten in der Folge auftauchende Handy-Videos von der Hinrichtung, auf denen zu sehen war, wie seine Henker Saddam noch vor seinem Tod beschimpften. „Ist das die Ehre arabischer Männer?“, fragte der einstige Gewaltherrscher mit der Schlinge um den Hals und rezitierte laut das arabische Glaubensbekenntnis. Mitten im zweiten Satz öffnete sich die Klappe im Boden. (siha, dpa/APA)


Kommentieren


Schlagworte