Realer als die Realität: Dokumentarfilm 3.0

Zwischen Information und Entertainment erforscht das dokumentarische Genre die Möglichkeiten der neuen Medien zur Repräsentation von Realität.

Von Silvana Resch

Amsterdam –Abseits der Kinoleinwand bieten die neuen Medien dem Dokumentarfilm bislang ungeahnte Möglichkeiten zur Darstellung von Realität. Interaktive Webdokus, ein sich im Internet allmählich etablierendes Format, erfahren durch das iPad neuen Schwung und einen breiteren Bekanntheitsgrad. 2012 dürfte dank Mozillas HTML5-Media-Toolkit „Popcorn.js“ zudem mit zahlreichen innovativen Webdoku-Projekten gerechnet werden. Die Experimentierfreudigkeit dominiert in diesem weiten und unübersichtlichen Feld, eine schöne Auswahl der derzeit spannendsten Projekte bietet aber beispielsweise das Doclab des IDFA (Internationales Dokumentarfilmfestival Amsterdam) auf seiner Website www.doclab.org unter dem Menüpunkt „Projects“.

Seit 2007 werden im IDFA-Doclab die Möglichkeiten des digitalen dokumentarischen Geschichtenerzählens am PC-Bildschirm oder iPad erforscht. Im Rahmen des Festivals Ende November wurden die Projekte zudem in der Ausstellung „Expanding Documentary II“ teilweise in Form von Installationen und Performances präsentiert. Die „besten Beispiele für digitales Storytelling“ werden seit 2010 von einer internationalen Jury nominiert und ausgezeichnet. Verschiedenste technologische Möglichkeiten wurden dabei auch in den 2011 ausgewählten 15 Projekten erkundet: „Condition One“ (www.doclab.org/2011/condition-one/?visit) ist etwa eine 360-Grad-Video-iPad-App. Der Bildausschnitt verändert sich durch die Bewegung des Tablet, der navigierende Betrachter wird somit zum Kameramann. Fotojournalismus werde somit „als immersives, virtuelles Realitätserlebnis neu erfunden”, so der Kriegsfotograf Danfung Dennis, einer der Mitbegründer von “Condition One”. Die Bandbreite des in Amsterdam vorgestellten interaktiven dokumentarischen Geschichtenerzählens ist aber freilich so breit, wie die digitale Trickkiste unerschöpflich zu sein scheint. Das IDFA-Doclab-Vorjahressiegerprojekt „Highrise/Out My Window“ ließ etwa auch 2011 mit „One Millionth Tower“, einem neuen Kapitel dieser Langzeit-Webdoku, mit Innovation aufhorchen. Die Produktion des NFB (National Filmboard of Canada) setzt sich mit den Lebensbedingungen in Hochhäusern weltweit auseinander. Für „One Millionth Tower“ wurden die Ideen von Hochhausbewohnern zur Verbesserung ihrer Lebenssituation gemeinsam mit Architekten zu Papier gebracht. Dank Mozillas „Popcorn.js“ wurden diese Visionen schließlich zu dreidimensionalem Web-Leben erweckt – mit Erfolg: Für diese erste WebGL-Doku wurden die „Highrise“-Macher im Techno-Hipster-Magazin Wired gar zu den „Neuerfindern des dokumentarischen Genres“ ausgerufen.

Interessanterweise wurde in Amsterdam 2011 ein Projekt mit dem „Award für Digital Storytelling“ ausgezeichnet, das seine Interaktivität nur sehr dezent zur Schau stellt: „Insitu“ von Antoine Viviani ist eine poetische Arte-Produktion über experimentelle Kunst in der Stadt – konzipiert für Web und Smartphone. Die Webdoku funktioniert auch als linearer Dokumentarfilm mit einer Dauer von 90 Minuten, auf Klick kann dieses Erlebnis aber freilich mit Zusatzinformationen zu Kunst und Künstlern angereichert werden. Der Nutzer kann dank interaktiver Landkarte auf Entdeckungsreise gehen oder gleich selbst eigene Visualisierungen von urbaner Poesie in Form von Fotos und Videos auf die interaktive Karte laden.

In den IDFA-Doclab-Projekten werden zahlreiche Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet, spielerisch getestet. Aber selbst all die zahlreichen derzeit im Internet zu entdeckenden Webdokus bieten wohl nur einen ganz kleinen Vorgeschmack dessen, wie die Realität 3.0 aussehen könnte.

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