Die Ära Fassbaender

Mit den letzten Premieren geht die 13-jährige Intendanz von Brigitte Fassbaender am Tiroler Landestheater langsam zu Ende. Der Versuch eines Rückblicks.

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Von Ursula Strohal

Innsbruck –Die letzte Theatersaison von Intendantin Brigitte Fassbaender ist bis Anfang Juli noch reich an Premieren und Aufführungen, doch hat das große Abschiednehmen begonnen. Fassbaenders Nachfolger Johannes Reitmeier wird am 20. April seinen Richtungswechsel und ersten Spielplan bekannt geben.

Fassbaender hat die Latte hochgelegt, in jeder Beziehung. Sie vertrat und lebte ein Theater der Vielfalt und des Anspruchs. Im Musiktheater führte sie das Publikum durch die populären Werke der Opern, aber auch auf Seitenpfade. Sie machte Benda, Berlioz, Poulenc u. v. a. als Opernkomponisten bekannt, es gab konzertant Raritäten und zeitgenössisches Musiktheater u. a. von Trojahn, Nyman, Wolfrum, Reimann, Adès, Weir, darunter zahlreiche Uraufführungen, auch von den Tirolern Florian Bramböck, Norbert Zehm und Christof Dienz sowie dem Südtiroler Eduard Demetz. Es ist unmöglich, die Spielpläne aufzuzählen. Sie sind in dem prächtigen Jahresheft der aktuellen Spielzeit aufgelistet.

Fassbaender ließ flott und ungewöhnlich inszenieren, dann wieder still und stücknah. Ein Höhepunkt war der Mozart-Zyklus. Sie selbst durchleuchtete in ihren Inszenierungen die Stücke auf neue Kenntlichkeit, Strauss’ „Salome“ war so ein Glanzstück, derzeit im Spielplan Verdis „Falstaff“. In der Operette wurde ein wenig experimentiert, mit wechselndem Erfolg. In den Musical-Reigen brachte und bringt sie sich mit Komponist Stephan Kanyar als Librettistin ein mit den Uraufführungen von „Lulu – Das Musical“ und „Shylock!“ kommenden Mai. Fassbaender sorgte für musikalisches Niveau, stellte hohe Anforderungen, besetzte gern mit leichten Stimmen und betreute junge Sänger intensiv, verheizte sie nicht. Intendanten holten sich bei ihr den Sängernachwuchs.

Als das Tiroler Landestheater GmbH wurde und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck dazukam, wurde Fassbaender oberste Orchesterchefin. Sie hatte in Innsbruck Georg Schmöhe als Musikdirektor angetroffen, mit sicherer Hand Dietfried Bernet zum Ehrendirigenten und dann Georg Fritzsch sowie, aktuell, Christoph Altstaedt zu Chefdirigenten gemacht und Alexander Rumpf an die Oper gebunden. Etwas glückloser war sie mit ihren Kapellmeistern und am glücklosesten mit den letzten beiden Chordirektoren.

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Eine inhaltsreiche, glanzvolle Ära geht zu Ende, die Tiroler lieben Fassbaenders Landestheater und stürmen es. In ihrer persönlichen Referentin Jennifer Selby und dem kaufmännischen Direktor Harald Mayr hat und hatte sie in der Theaterführung engste, souveräne Mitarbeiter, und das ganze Haus strengte sich, von den Erfolgen beflügelt, mächtig an. Fassbaender hat das Haus international bekannt gemacht, der politischen Vereinnahmung verweigert und die Schwellenangst abgeschafft. Das Gros des Publikums folgte ihr, zeigte – nicht unkritisch – Bereitschaft, mitzudenken, Grenzen zu erkunden, den Horizont zu erweitern.

Klaus Rohrmoser war mit Fassbaender 1999 als Schauspielchef ans Haus gekommen. Auch er bot einen interessanten, abwechslungsreichen Spielplan vom Klassiker bis zur Uraufführung, band Shakespeare, den die Intendantin zum Hausgott ausgerufen hatte, vielgestaltig ein und auch Tiroler Künstler. Auf seine Initiative geht das Tiroler Dramatikerfestival zurück. Natürlich konnte nicht alles gelingen, gerade die laufende Spielzeit, auch Rohrmosers letzte, zeugt aber von ernsthafter Theaterarbeit und eindrucksvollen Aufführungen. Er selbst inszeniert mit Sorgfalt stets nahe am Kammerspiel, ohne spekulativ zu agieren, ließ aber durchaus auch Buntes, Freches, Ungewöhnliches zu („Urfaust“). Dass das TLT-Schauspiel mitunter mit seinem Ruf zu kämpfen hatte, lag wohl am qualitativ ungleich austarierten Ensemble.

Nach ihren Chefchoreographen Maria-Luise Jaska, Jochen Ulrich und Birgit Scher- zer gelang Brigitte Fassbaender, die das Tanztheater stets förderte, 2009 mit der Bestellung des ersten Tänzers, Enrique Gasa Valga, zum Leiter der Tanzcompany ein Coup. Gasa Valga profilierte sich rasch, holt spannende Gastchoreographen und arbeitet selbst in einer großen, emotional gesättigten Bildsprache. Das Publikum bekommt nicht genug davon. Eine Aufwertung erfuhr auch die ideenreich gespeiste Jugendsparte. Kinder erlebten die Faszination Theater und Jugendliche die Aufarbeitung brennender Themen. Mobile Produktionen zogen durch die Schulen, die Veranstaltungsreihe „Erwin“ und theaterpädagogische Workshops werden begeistert genützt.

Mit dem letzten „Zauber der Musik“ verabschiedet sich die Intendantin derzeit persönlich von ihrem Publikum. In der Arie der Marzelline aus Beethovens „Fidelio“ stürmt die junge Sängerin bei den Worten „Die Hoffnung schon erfüllt die Brust“ symbolstark an die Rampe: Jeder trägt auf seine Weise Zukunftshoffnung in sich, Zuschauer, Künstler, alle scheidenden, bleibenden, neuen Mitarbeiter des Hauses, die Intendantin, ihr Nachfolger.


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